Paul Krieger
 Texte und Sprache

 

Danke, Bruder /Die Geschichte, die rückwärts geht


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Mein Dank gilt (in alphabetischer Reihenfolge):Angelinha, Anna, Buddha, Chung Lang, Creighton, dem chinesische Volk, dem tibetanische Volk, Delis, von  Ebner-Eschersbach, Einstein, Friday, Fromm, Gallilei, Ghandi, Hannah, Helen, Hesse, Krishnamurti, Laotse, Marcuse, Mong-tse, Pestalozzi, Phillips, Rousseau, Sarah, Schiller, Seneca, Steinbrecher, Tagore, Terezinha, Tseng Kuang, Walser, Wilde, Willi, Wilson, Wu Ti.


Ein ganz besonderer Dank gilt dem tapferen Recken Yoshida, der nie müde wurde, mir Trost und Hoffnung zu geben.

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Oft denke ich, es ist entsetzlich, dass meine Geschichte nicht  schon gleich hier zu Ende ist. Was bedeutet denn mein Leben jetzt noch - Franz ist nicht mehr hier.

Franz hatte eine Zukunft; begeistert hätten ihm die Herzen zu Füßen gelegen. Er hätte vielen viel gegeben. Die Zukunft ist weiblich, hatte er gesagt. Wozu taugte ich jetzt noch auf dieser Welt?

Franz hatte ein riesiges Begräbnis. Mediengerecht wurde es aufbereitet, Tagesschau und ZDF, RTL und SAT1 und Tausende von trauernden Fans waren live dabei. Von einer großen Hoffnung der Musik, die heimtückisch gemeuchelt wurde, weil sie zwei Liebenden Beistand leisten wollte, war die Rede.

So kam sogar ich ins Fernsehen. Bernard wurde auch gezeigt, wie er neben mir vor Schmerz zusammenbrach. Niemand sagte ihm, was tatsächlich geschehen war. Auch ich brachte es nicht übers Herz, ihm die Wahrheit zu offenbaren. Manche Lüge ist nicht feige, so dämmerte mir an meines Bruders Grab, sondern reinste Nächstenliebe.

Anna ist eine Heldin geworden.

Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurde gegen sie eingereicht. Die öffentliche Meinung steht aber voll auf ihrer Seite.Viel wird ihr da nicht passieren, Notwehrsituation, klare Argumentation.

Annas Terminkalender ist jetzt vollgekleistert mit Auftritten als Oboistin. So sagte sie mir, als sie mich vor sechs Tagen besuchte. Und wie widerwärtig ihr der ganze Rummel um ihre Person sei.

Mit mir gibt sich das Sanatoriumspersonal redlich Mühe, doch mein Zustand bleibt wie er ist. Die Lähmung des Unterleibes sowie beider Beine, paraplegisch, wie die behandelnde Ärztin Dr.Goldberg meint, lässt nicht nach.

Mit mir gibt sich das Sanatoriumspersonal redlich Mühe, doch mein Zustand bleibt wie er ist. Die Lähmung des Unterleibes sowie beider Beine, paraplegisch, wie die behandelnde Ärztin Dr.Goldberg meint, lässt nicht nach.

Aids habe ich nicht, das hat die Blutuntersuchung ergeben, auf eine simple Infektion ließen meine erhöhten Leukozyten-Werte schließen. Der Fleck auf meiner Stirn sei nicht melanös, obwohl er weiter wächst. Achselzuckend nehme ich die täglichen Bulletins meines Befindens hin.

Der Schein ist die einzige Wahrheit, denke ich, wenn Roswitha mich mit ihrer Tochter besucht. Sie kommt nie ohne gute Laune und herrlich frischen Kuchen. Ich hoffe, dass sie bald meine demonstrativ gelangweilte Miene satt hat und mich vergisst.

So wie recht bald Helen vergessen sein wird. Helen erscheint regelmäßig jeden zweiten Tag bei mir.

Es ist tröstlich zu sehen, wie ihr Körper sich aus dieser Welt begibt. Schmerzen hat sie keine, sie verträgt die Morphium-Spritzen recht gut. Sie schleicht sich nicht davon oder lamentiert über Ungerechtigkeiten. Manchen Tag wirkt sie aufgeweckt, als gälte es, ein ganzes Leben zu planen. Dann sprudeln kühne Pläne aus ihr heraus. Sie will eine Stiftung ins Leben rufen.

Ars in vita solle den Sitz in ihrem Haus haben. Ziel der Gesellschaft solle die Erforschung und Umsetzung der Frage sein, wie weibliche Aggressivät zu fördern sei, so dass tatsächlich ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Geschlechter herrsche. Aber das weibliche Prinzip solle dabei erhalten bleiben.

Sie schrieb die Gattin des Bundespräsidenten an, die solle den Vorsitz übernehmen. Mich will sie testamentarisch zum Geschäftsführer bestimmen. Sie beschwört mich, endlich mit einzusteigen.

(Weiter geht es im Buch)