Paul Krieger

Tex und Sprache

Don Casi von der traurigen Gestalt

Nach einer langen Bahnfahrt, die durch den Nachmittag, den Abend und die Nacht geführt hatte, über zwei Grenzen, durch flaches Land und mächtige Berge hinweg, stieg er, den roten Rucksack auf dem Rücken, den zerstoßenen Lederkoffer in der Hand, die Trittstufen des Waggons hinab und blickte sich fröstelnd um.


Manche hatten gesagt, er fliehe. Vor dem Leben. Des Geldes wegen, das er aufgeteilt zwischen Koffer und Lederbeutel um den Hals verwahrte, überlegte er?


Flucht oder letzte Hoffnung zum Leben hin? Was bleibt dem Mann, dachte er, der geglaubt hatte, die Liebe sei die Kraft, die schöpfe? Der bereit gewesen war, sich ihr ganz zu unterwerfen? Mochte auch die ganze Welt sich gegen ihn verschwören, so gäbe diese Liebe ihm die Kraft, das Feuer, die Mauern niederzubrennen, die ihn hindern wollten, sich aufrecht zu leben. Die Liebe sollte ihn befreien von jedem Zweifel, auf dass er es wage, den Mensch zu leben, der in ihm geboren war.


Was bleibt diesem Mann, dem die Liebe sagte, sie fordere einzig seine Leidenschaft, mit dem Leben finde er sich gefälligst allein zurecht, wie Anna sagte.


Er fror dort am Bahnsteig. Er schaute sich um. Sah in Gesichter, die nicht zu frieren schienen. Lächelnde, lachende Menschen, manch wenige schauten verbissen drein, manche schimpften.


Sicher, so dachte er da, er war einer, der sich nicht fügen wollte. Einer, der den Mut hatte, ganz allein sich zu leben. Er war glücklich, fand er sich an seinem billigen Klavier und komponierte. Konnte das  genügen, ein ganzes Leben zu bestreiten? So hatte Aida ihn gefragt.


Keiner hört dir zu, weil du nie Konzerte gibst, Aurosas Worte in der Nacht im Wald wird er nie vergessen. Sie sagte das nach einem Kuss, einem Küssen dort gegen 11 Uhr nachts im Wald vor der Stadt, was kein Mensch jemals vergessen wird. Ich höre dir gerne zu, wenn du am Klavier spielst, dein Lied für mich fand ich wunderschön, sagte Y und drückte sich dort unter den Bäumen im Wald ganz fest an ihn. Bäume schlafen nie, wie halten sie das aus, hatte er da gedacht.


Daran dachte er dort am Bahnsteig in dieser ewigen Stadt. Schwitzte in seiner dicken Felljacke, die ihm Anna geschenkt hatte. Mein Geklimpere klingt bisweilen recht nett, ich komme ans Ziel, die Dame schläft bei mir. Goldene Finger habe ich nicht, im Radio bin ich nicht zu hören, im Fernsehen nicht zu sehen, Freunde fragten stets, warum das so sei.


Kann Mittelmäßigkeit Bewegendes schaffen, das jeden mitreißt, das mich nicht nur leben, sondern auch überleben lässt?


Ai, er schwitzte dort im Bahnhof Termini. Er war am 16. November in seiner Stadt eingestiegen, dort war es kalt gewesen, zehn Tage lang hatte er keinen blauen Himmel gesehen, warum schwitze ich, dachte er, als er zum gewählten AusganIn seiner Felljacke, geschenkt von Anna, sie war recht abgetragen, näherte er sich dem Portal voller Licht des riesigen Bahnhofs.

Er habe niemals einen Anzug besessen, nie habe er sich sonderlich herausgeputzt, und Konzerte habe er niemals besucht. Was seinen Stil betreffe, habe er mal klassisch, dann wieder Rock, dann schrecklich verrückten Zwöflfton- oder Discomist gespielt. Oftmals habe man sich gefragt, wie er über die Runden käme. Gelegenheitsjobs, von der Hand in den Mund, nein, unvorstellbar, uns hätte so ein Leben ohne jede Sicherheit und Anerkennung nicht genügt. Es sei einfach nicht zu begreifen, wie er das so lange ausgehalten habe.

Die Worte der Freunden, er stellte sich vor, wie sie nun über ihn redeten, der verschollen ging.

Er zitterte, schwitzte, atmete tief durch. Suchte Erklärungen. Das Gepäck drückt, obgleich er sich auf das Notwendigste beschränkt hatte: zwei Pullover, drei Paar Jeans, vier Paar Socken, Unterwäsche; Walkman und Kassetten; zwei Bücher, ein Gedicht, Zitate in einem Heft, die er vor langer Zeit in Büchern gelesen hatte. Fotos hatte er nicht ein einziges mitgenommen.








Die Novelle wird erscheinen. Ob in 2019 oder 2020 wird man sehen.

 

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