Paul Krieger
 Texte und Sprache

Presse - Vorstellung PolaRoid

Das war in 1990, glaube ich. Hier noch einmal der Text der Buchbesprechung.

Prosaskizzen des Wiesbadeners „paul k“

J.S. — Polaroid — sekunden­schnelle Photographie — übertra­gen auf den Vorgang des Schreibens, des Erzählers, ist eigentlich ein undenkbarer Vor-gang, denn das In­strument der Sprache ist in unserer schnelllebigen Medienwelt das langsamste zum Aufzeichnen der Bilder. Paul Krieger, in Wiesbaden ansässiger Autor, versucht es dennoch. In seinem Band „PolaRoid", den er Mit­te Juli im Wiesbadener p + b Verlag herausbrachte, hat er unter der Ty­penbezeichnung „Prontogramme" zwanzig kurze Prosaskizzen entworfen, die in schnellen, knappen Sätzen Menschen und Lebensportraits umreißen, einmalig Einblicke in irgendein Alltagsleben, eben wie Pola­roid-photos.

Die kleinen Geschichten handeln vom Menschen in der Stadt, zeigen ihn zwischen Anonymität und Unbehaustheit, in Trennungen und Beziehungslosigkeit, in Konfrontation mit eigenem oder fremden Tod, in Bruta­lität, Kriminalität, Ungewißheit und Ziellosigkeit. Insofern zeichnen sie ein Portrait des Menschen der 80er Jahre in unserer überzivilisierten Groß-stadtwelt. Hormonskandal, Startbahnprotest, Ausländerproblematik und Drogenproblem kommen ebenso vor wie AIDS und Arbeitslosigkeit.

Vor Tabuthemen schreckt Paul Krieger, der sich lediglich als ,,paul k" seine Autorenschaft sicherstellt, nicht zurück, im Gegenteil. Von Selbstmord handeln seine Geschichten, von der Einsamkeit der Alten in den Heimen, von Abtreibung und Penneridyll. „paul k" zeichnet des­halb nicht mit vollem Namen, weil er seine Texte als Statement eines ein­zelnen verstanden wissen  will,  als  schreibendes Bewußtsein, bei dem der Name nicht so wichtig ist. Somit reiht er sich selbst ein in den Reigen seiner entworfenen Portraits.


„Hochgeistiger Umgang" mit Lite­ratur liegt ihm nicht, daher arbeitet er zurückgezogen, abseits des Medienrummels. Vorrangig schreibt er Lyrik (Sonette), aber auch Novellen und Romane. Seinen Lebensunter­halt verdient er als Lehrer für Deutsch, Englisch und Italienisch an der Wiesbadener Volkshochschule, da er vom Schreiben nicht leben kann. Seit 1973, sagt er, sendet er immer wieder Manuskripte an Ver­lage, doch mit dem „Markt" hat er kein Glück. Von so vielen Faktoren hängen Veröffentlichungen ab, daß er jetzt zur Eigeninitiative gegriffen hat und bereits einige Bände selbst veröffentlicht hat.


In Rom, wo er eine Zeitlang gelebt hat, ist ein zweisprachiger Gedicht­band erschienen. Augenblicklich ar­beitet er wieder an Lyrik und einem Roman, der im Spätherbst erschei­nen soll. Seine „Prontogramme" Po­laroid geben einen guten Einblick in sein Schreiben. Betont alltagsnah befaßt er sich mit der Wiedergabe von Realitäten. Oft bleiben die Texte an der Oberfläche und man merkt ihnen an, daß sie nicht selbsterlebt, sondern stilisiert, wie der Wirklich­keit abgeguckt sind. Zuweilen gerät dadurch die Darstellung plakativ, von Werbejargon durchsetzt oder verläuft erzählerisch im Sande.


Dann aber wieder gelingen auch nachdrückliche Bilder aus Verletzt­heit und Kälte. Liebe bleibt Material in dieser Welt, ein handhabbares Ding, vorherrschend geht es um Be­sitz und Gefühllosigkeiten. Ge­schichten, die zwischen Abendessen und Fernsehserie konsumiert wer­den können und einen dabei manch­mal aufhorchen und innehalten las­sen.