Paul Krieger
 Texte und Sprache

POLAROID – 20 Prontogramme

neue Ausgabe im p+b-Verlag, Wiesbaden, 2012

ISBN 9783927684171

Copyright beim Autor.

Jeglicher Abdruck, auch auszugsweise, nur mit Erlaubnis des  Autors.

Als Buch und als EBook bei Amazon oder im Buchhandel oder direkt beim p+b- Verlag



Über die Geschichten in diesem Buch

Einst benutzten wir eine Polaroid-Kamera, um das Bild, das wir gerade gemacht hatten, sofort sehen zu können. Heute sind wir digitalisiert,wir sehen sofort, was wir gerade fotografiert haben. Alles ist gleich sichtbar. An jeden Ort der Welt können wir unser Bild sofort senden und es jedem Menschen auf dieser Welt zeigen.

Ist auch unser Denken digitalisiert heute? Und was bedeutet das für unser Leben, unser Zusammenleben mit den anderen hier? Wo ist unser Hier heute überhaupt?

Wie sehr hat sich doch unsere Welt in den letzten 25 Jahren verändert. Als ich diese Geschichten seit langem einmal wieder las, stellte ich fest, es gibt etwas, das hat sich nicht verändert. Ist das die Wahrheit, nach der wir Menschen suchen?

Prontogramme, so schrieb ich damals, sind Kurzgeschichten. Wie Polaroid-Fotos sollten sie wirken. Aufnahmen mit einer richtigen Kamera waren immer besser, aber dem Fotografen dienten sie als Idee zum Bild, als Entwurf. Er sah darauf, was er sehen musste, um seine Idee in seine Realität umzusetzen.

Sind die Geschichten in Polaroid nun ein Entwurf zu einer Idee?

Entscheiden Sie selbst. Und finden Sie.

Hier finden Sie eine Besprechung des Buches im Wiesbadener Kurrier.


Die Geschichten

LIEBENDE - TRAUM - ZUKUNFT - ÜBERLEBEN - BILANZ - VERWIRRUNG - GEWISSHEIT - HASS - ERLÖSUNG - 1001-TAG - BETRUG - BESITZEN - SEHER - AUFBRUCH - FREUNDSCHAFT - DER ZUFRIEDENE - MANN DER MITTE - VÄTER BRÜDERLICHKEIT - VOM GEMEINEN

Eine der Geschichten

LIEBENDE   Manchmal wollte Lara das Kind, das war das Schreckliche. Dabei konnte sie sich das gar nicht leisten. Der Freund war Maler ohne Aussicht auf Erfolg. Jahrelang hatte sie brav die Spirale ertragen, dann war es doch passiert.

Sie hatte es gleich am nächsten Morgen gespürt, eine Woche drauf hatte sie es dem Freund gesagt. Jetzt spreizte sie die Beine auf dem Behandlungsstuhl des Arztes. Fünfte Woche, sagte der.

Sie biss sich auf die Lippen. Das ist Mord, dachte sie. Ihr Glauben setzte den Beginn des Lebens gleich dem Zeit­punkt der Befruchtung. Wenn du mich liebst, hatte der Freund gesagt, dann lässt du abtreiben. Da hatte Lara ge­weint. Der Mensch ist hier, um Kinder zu bekommen, hatte sie gesagt.

Da hatte der Freund bitter gelacht, bevor er frag­te, warum auf dieser Welt Kinder verhungerten. Dann hatte er auf die verzogenen Bengel der Geschwister geschimpft.

Sie zog sich an. Sie vertraute dem Arzt. Natürlich helfe ich ihnen, sagte der. In der neunten Woche hören wir uns die Herztöne an, oft treten durch die Spirale Missbildungen ein. Tränen standen in ihren Augen, als sie den alten Arzt ansah. Welch Hoffnung, dachte sie ratlos und verabschiedete sich.

Lara vergaß, in welcher Jahreszeit sie sich befand. Tagelang sprach sie kein Wort mit dem Freund. Wenn sie ihn ansah, heulte sie. Dann schloss sie sich im Bad ein. Sie war froh über die Arbeit im Büro. Vor den Nächten hatte sie Angst. Wenn sie die Wärme des Mannes, den sie liebte, ne­ben sich spürte, hasste sie ihn.

Im Traum sah sie ihre Großmutter, die schrie Mörderin. Der Priester wies sie aus dem Beichtstuhl. Sie fand sich in einem Betonkeller, der war weiß, der Boden war bedeckt mit Blut und Embryos in al­len Größen; deren weitaufgerissene Augen sahen sie hilflos an. Da erwachte sie von ihrem Schrei. Der Freund nahm sie in die Arme, aber sie stieß ihn wütend von sich.

In den Augen des Freundes stand es geschrieben - entweder das oder ich. Lara spürte, der Kaffee und der Kuchen bekamen ihr nicht. Das ist allein meine Entscheidung, schrie sie ihn zornig an. Ihr Freund protestierte. Liebe dich selbst wie deinen Nächsten, sagte er und fragte sie, wie er den Nächsten lieben solle, wenn er sich selbst nicht lieben könne. Sie zweifelte an seiner Liebe. In ihren Augen war er ein Egoist.

Sie spürte das Leben in ihrem Bauch. Trotzig sah sie sich, ihr Kind nach der Arbeit vom Hort abholen. Sie schloss es in die Arme, lachend trug sie es auf dem Arn. Dann blickte sie in seine leuchtenden Augen. Da weinte sie, das waren die Augen des Freundes, der sie verlassen hatte.

Eine Woche darauf ging sie wieder zum Arzt und hat ihn um einen Termin. Im Wartezimmer saß eine Frau mit ihrem mongoloiden Kind. Das war vier Jahre alt und lachte mit ihr. Zärtlich strich Lara dem Mädchen über die Haare. Als sie dem Arzt gegenübersaß, sah der sie durchdringend an, bevor er von seiner Familie erzählte. Sie solle doch die Ultraschallunter-suchung abwarten, vielleicht löse sich das Problem von selbst, bat er sie. Da schüttelte sie entsetzt den Kopf.

Sie wollte nicht mehr leben. Hastig griff sie nach den Beruhigungstabletten im Badezimmerschrank. Dann führte sie das Glas an die Lippen, die Brühe roch ekelhaft. Es war ihr, die Großmutter sehe sie an. Entschlossen schüt­tete sie die Flüssigkeit in den Ausguss und nahm sieh vor, mit dem Freund zu reden.

Erregt ging der Freund im Zimmer auf und ab. Er wolle nicht aufgeben wie sein Vater. Warum der wohl mit Achtundfünzig gestorben sei, brüllte er sie unbeherrscht an. Dann setzte er sich auf die Couch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Lara setzte sich neben ihn und streichelte ihm den Kopf. Da sah er sie an. Sein Blick war leer, Tränen traten ihm in die Augen. Niemand kommt ohne Schuld und Scham durchs Leben, sagte er leise. Sie drückte sich an ihn, dann hielten sie sich fest.

Als Lara am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr, stand ihr Entschluss fest. Mechanisch setzte sie den Blinker, mechanisch schaltete sie herunter. Sie hatte nicht auf die Kupplung getreten, folglich krachte das Getriebe. Beim Frühstück hatte der Freund  ihr vorgeschlagen, das Kind zur Adoption freizugeben, da käme es zu Eltern, die es liebten und ihm eine Zukunft geben könnten. Entsetzt hatte Lara den Freund da angeschaut, dann hatte sie ihn angeschrien.

Er fuhr Lara zur Klinik. Sie sprachen kein Wort. Lara stieg aus, ohne den Freund zu beachten. Am nächsten Tag besuchte er sie. Lara sah an ihm vorbei. Geh jetzt, sagte sie dann, die Blumen ließ sie von der Schwester aus dem Zimmer entfernen. Als sie mit dem Taxi nach Hause kam, stellte sie erleichtert fest, dass ihr Freund nicht da war.

Drei Monate später verließen sie sich. Der Freund ging in eine andere Stadt. Lara verbat sich seine Anrufe. Dann musste Lara ins Krankenhaus, an ihrem Finger wuchs ein Tumor. Als sie den Freund im Besuchsraum vor sich sah, verbarg sie die Hand mit dem unförmigen Gestell hinter ih­rem Rücken. Sie ließ zu, dass er sie festhielt, bevor er in die andere Stadt zurückkehrte. Als der nächste Frühling zu En­de ging, zogen sie in eine gemeinsame Wohnung. Lara richtete sie nach ihrem Geschmack ein, was ihm gefiel.

Lara freut sich auf das Wochenende, dann vergisst sie Büro und Fortbildung und die Müdigkeit. Gemeinsam genießen sie den Morgen im Bett. Wenn Lara dem Freund von einem schlimmen Traum erzählt, nimmt er sie stumm bei der Hand. Manchmal streifen sie dann gemeinsam durch die Stadt. Wenn Lara dort Kinder mit den Eltern sieht, leuchten ihre Augen, und sie sieht den Freund an, der sie hastig weiterdrängt.