Paul Krieger
 Texte und Sprache

Hier finden Sie Texte, die ich irgendwann einmal schrieb: Für eine Zeitung oder für Leser. Ich mag die Texte und stehe zu ihnen.

Ein Brief, den ich 1984 an die römische Tageszeitung "La Repubblica" schrieb. Anlass: Meine Einstellung zum Ausschluss der DDR an den Olympischen Spielen.

Der Text war natürlich in Italienisch geschrieben hier die Übersetzung.

Als ich diesen Leserbrief wieder fand, war das Wunder der Wiedervereinigung natürlich noch nicht geschehen. Bürger der DDR hatte ich nur einmal auf einem Zeltplatz im ehemaligen Yugoslawien gesehen und erlebt. Und da waren sie mir so fremd.1989 fuhr ich drei Tage vor der offiziellen Wiedervereinigung in die noch existierende DDR. Welch Erlebnis. Die Städte waren ja viel deutscher als unsere Städte im Westen. Und die Leute sahen auch durchgehend deutscher aus als wir im Westen. Tränen standen mir in den Augen, als ich die Sehnsucht dieser Menschen nach West-Produkten, billigem Ramsch zumeist, auf den Marktplätzen sah. Ja, das sind Deutsche, ja, sollen sie ihr Deutschland wiederbekommen, so dachte ich, obwohl ich zuvor der Meinung war, mit der Wiedervereinigung sollte schon noch gewartet werden.Aber das muss ich auch sagen: Dort leben würde ich nie leben wollen, dachte ich damals, denn dieses Land ist mir so fremd. Wie mein Westdeutschland - da war mir auch immer etwas fremd, weshalb ich ja nach Italien ging und wieder in Italien leben möchte.


Betrifft: Artikel Ihres Korrespondenten Vanna Vanuuccini.

Ich beziehe mich auf den Artikel "DDR - eine bittere Absage", von Ihrer Korrespondentin Vanna Vannuccini, die schreibt: "Für Westdeutsche ist es so, als ob die Hälfte ihrer Sportler gezwungen wäre, zu Hause zu bleiben. Nationalstolz, der bei den Olympischen Spielen immer auch das andere Deutschland miteinbezogen hat." Diese Aussage hat mich ein wenig verärgert, weil es eine falsche Behauptung ist und ich dem widersprechen möchte.

Zunächst möchte ich um Entschuldigung bitten, denn ich habe nicht die Autorität , über die "Westdeutschen" zu sprechen, obwohl ich Westdeutscher bin seit meiner Geburt  - aus einer deutschen Familie, mit deutschen Freunden, einer deutschen Erziehung usw. Aber da Ihre Korrespondentin sich Verallgemeinerung erlaubt, bekomme ich auch wenig Lust aufs Verallgemeinern des Wesens meiner  "Landsleute" und mir selbst. Aber jetzt kommt mir doch meine Schwester in den Sinn, die manchmal gar nicht meiner Meinung war, ai, was tue ich jetzt? Erlauben Sie mir trotzdem weiterzuschreiben? Ich verspreche, ich werde nur von der Meinung der Mehrheit der Westdeutschen sprechen, ist das in Ordnung?).

Zuerst möchten Sie vielleicht wissen, als was ich mich fühle. Ich wurde im selben Jahr geboren, in dem "unsere" Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Ich bin also eigentlich ein echtes, ein Originalprodukt dieses Staates. Oder?

Der Verzicht der DDR auf die Olympiade ist ein harter Schlag - für die Olympiade ja, aber mein Nationalstolz wird nicht verletzt, weil die Hälfte "unserer"Sportler zu Hause bleiben muss. Mitnichten. Ich bin nicht bestürzt, weil es für "uns" mindestens achtzig Medaillen geben würde. Niemals habe ich eine von DDR-Athleten gewonnene Medaille als "unsere Medaille" angesehen. Es gab und gibt immer einen erbitterten Wettbewerb zwischen unseren Athleten und denen der DDR. Leider zeigt der Medaillenspiegel für uns meist nicht gerade zufriedenstellende Ergebnisse, aber er tröstet uns fast immer im Bereich des Profisports (Gewinnt da immer das beste System?).

Vielleicht ist der Gedanke von der Existenz zweier deutscher Nationen eine Altersfrage, aber ich erinnere mich daran, dass bei den Fußballspielen zwischen München und Jena (Sie erinnern sich?) auch die älteren Fans sich wünschten, dass München nur ja nicht verlieren möge.Sie bezweifeln das?  Wissen Sie, dass wir mehr über Juve-Spieler wissen als über die von Dynamo Ost-Berlin? Und wissen Sie, dass wir unseren Rummenigge niemals in die DDR gehen lassen würden?

Nein, bei DDR-Sportlern empfindet die Mehrheit hier keinerlei Nationalstolz. Und zurück zu unseren älteren Deutschen, die einst in "einem  Deutschland" lebten: Wie viele von ihnen sind noch übrig? Wie viele wollen sich an diese Zeiten erinnern? Wie viele " Herzensbeziehungen" existieren, die auch nach 40, 50 Jahren noch funktionieren? Es gibt sogar einige, die sich nicht wohl fühlen, wenn sie an all diese DDR-Athleten denken, die so viele Medaillen gewinnen. Sieht das nicht so aus, als gäbe es immer noch diese deutsche Nation, die zeigt, wozu sie in der Lage ist? Nur 17 Millionen Bürger leben in dieser DDR, aber sie sind eine der ersten drei Nationen im Olympischen Sport.

Wohl deshalb fühlt sich manch Älterer, manch ältere Westdeutsche etwas unwohl, schämt sich vielleicht ein bisschen. Erklären Sie mir jetzt bitte, wo gibt es Platz bei meiner Generation für dieses Gefühl von dem Ihre Korrespondentin schreibt? Natürlich gibt es noch immer die, die noch immer von unseren "unseren Athleten" reden, wenn sie von den zwei Deutschlands reden,  aber das sind sehr wenige - sie sind in gewissem Sinne Extremisten und nicht "Deutsche".

Mit meinen besten Grüßen


P.S.

Gewiss, auch ich stelle hier in Rom fest, dass man in einem Ausland lebend tendenziell verallgemeinert, indem man hauptsächlich auf die Informationen im Fernsehen, in Zeitungen oder vom Radio zurückgreift. Es gibt keine Kontakte mit Menschen dieses Auslandes, mit den Menschen aus den unterschiedlichen sozialen Schichten. Es gibt im Ausland zu wenig Zeit, um sich gut informieren zu können - zurzeit. "La Repubblica" ist eine Zeitung auf sehr hohem Niveau, die nicht mit der Befriedigung von Stereotypen zufrieden ist - Vielleicht ist es Ihrerseits ein Wunsch zu zeigen, wie die Menschen in Westdeutschland leben, wie sie denken - nicht wie sie in den Schlagzeilen der Zeitungen auf sehr niedrigem Niveau dargestellt werden.

Ich wollte mit all dem sagen, dass ich für Ihre Zeitung gerne  diesen oder jenen Artikel über mein Land, die BRD, schreibe. Ich sende Ihnen ebenso einen Text, der versucht, meinen / unseren Standpunkt in der Frage der Anzahl der deutschen Nationen zu erklären (aber da geht e gleichzeitig um einen Standpunkt zum Nationalgefühl im Allgemeinen). Vielleicht gibt es die Möglichkeit, diesen Ihrer  Korrespondentin Vanna Vannuccini zu übermitteln. Danke.

Ai, zu dem werde ich wohl weiterschreiben müssen. So viel Geschichte ist seit 1985 passiert.

Die Wiedervereinigung, die neuen und doch alten Deutschen, der gewachsene Nationalstolz und wie ich damit verbleibe. Das wird folgen. Ganz sicher. Die Zeit ist rund. Ich muss Geld verdienen, meine Bücher verkaufen. Doch seid sicher, hier werden, nicht morgen, noch der eine oder andere Text folgen.

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