Paul Krieger

Tex und Sprache

Bin bis ich bin



Novelle

Erschienen Juli 2021


Hans Röder ist Senior, fühlt sich meistens aber wie dreißig, Nun ja, vielleicht vierzig oder fünfzig. Nur selten merkt er, dass er bereits siebzig ist.

Corona verschont ihn nicht, er landet per Ambulanz im Krankenhaus. Dort erlebt er dies und das. Lernt manche neuen Menschen kennen, bevor er geht.

206 Seiten

Ab 1. Juli erhältlich in jeder Buchhandlung.Wenn es dort nicht nicht vorrätig ist, können Sie es bestellen und am nächsten Morgen ist es da.Oder Sie bestellen online. Zum Beispiel bei Hugendubel. Oder bei der Autorenwelt, da ist der Autor besonders glücklich, bekommt er doch doppelte Tantiemen. Natürlich auch bei jedem anderen Online-Händler. Oder bei Amazon. Oder direkt beim Verlag. Das würde den  freuen.


Hier ist zu lesen, wie die Geschichte beginnt.


A wie … Anfang _ Annehmen _ Ausgestoßen Ansichten _ Achtung _ Ahnung _ Abneigung Achtlosigkeit _ Ausgeglichenheit _ Abschied

 

Das Blaulicht sehe ich nicht, doch das schrille Heulen der Sirene stört. Der Fahrer nimmt keine Rücksicht, brettert wild über jedes Schlagloch hinweg, bremst abrupt. Hupt immer wieder. Das gibt mir jedes Mal einen dumpfen Schlag in den Magen. Auch der Motor, ein Diesel, klopft ziemlich laut. Keine angenehme Fahrt, finde ich. Und jeder Atemzug, den ich vorsichtig wage, sticht wie tausend Nadeln in die Lunge.

Gestern Vormittag fängt es an: erst vereinzelt ein Zwicken, dann zwickt es mehr und mehr, bis daraus diese Stiche werden. In der Nacht finde ich kaum Schlaf. Als es hell wird und die Amseln triumphierend sich gegenseitig mit Flöten und Pfeifen überbieten, die Meisen fröhlich zwitschern, um den blauen Himmel zu begrüßen, scheint mir meine Lunge eine Hölle.

Das Bett zu verlassen, bereitet große Mühe. Ich schwitze, als käme ich nach einem Aufguss aus der Sauna. Die Hände zittern, als ich den Kaffee zubereite, jeden Knochen meines Körpers spüre ich. Wo ist mein Fieberthermometer? Ich erinnere mich nicht.

Jetzt wird mit mir gnadenlos durch die Stadt gejagt. Ich versuche behutsam zu atmen, ganz flach, so wenig Atemzüge wie möglich. Schließe die Augen, Angst lässt sie mich im nächsten Augenblick wieder öffnen. Mein Herz rast, Schweiß perlt auf meiner Stirn. Warum die Eile des Fahrers, kommt es denn auf fünf Minuten an?

Dass dieser Moment einmal käme, dieser Sicherheit bin ich mir seit Jahren bewusst. Mit Sechzig setze ich für meinem kleinen Sohn einen Brief auf, in dem ich ihm meine Bankkonten samt Passwörtern für das Online-Banking mitteile. Ebenso schreibe ich ihm da, dass ich ihn liebe und er nicht zu lange traurig sein soll.

Heute bin ich einundsiebzig, habe Bluthochdruck, zwei Lungenentzündungen in den letzten zehn Jahren. Rauche und trinke gerne meinen Wein, was den Adern zusetzt. Im linken Bein hilft ein Stent der Durchblutung, damit ich weiterhin joggen kann. Eine Katheder-OP am Herzen lehne ich ab, fühle mich nicht bereit für Technik in meinem Herzen. Bin noch fit, das bestätigen mir all die Teilnehmerinnen in meinen Kursen stets aufs Neue. Ich gehe federnd wie ein Dreißigjähriger, fahre Fahrrad, genieße zu laufen, bin stolz darauf. Ich liebe mein Leben, mittlerweile genieße ich jeden Tag, auch die ohne blauen Himmel. Nun soll es so weit sein?

Der Wagen fährt langsamer, die Sirene erstirbt, wir sind wohl angekommen. Hastig wird die Wagentür geöffnet, der Sanitäter entriegelt die Tragbahre, auf der ich festgeschnallt bin.

«Wir sind da, gleich haben Sie´s geschafft,» sagt er jovial, seine Stimme jedoch klingt nach Unruhe und Hast.

Jetzt kommt der Fahrer hinzu. Die beiden sprechen kein Wort, als sie die Bahre aus dem Wagen ziehen und auf dem Fahrgestell verankern. Das geht alles sehr schnell. Sie sind ein eingespieltes Team.

Ich blicke mich um, wie ich da liege, will wissen, in welchem Krankenhaus sie mich abliefern. Wir stehen auf dem Zufahrtsweg zur Einfahrt in die Anlieferung der Notfälle des St. Josefs Hospitals. Die Übergabebucht ist noch besetzt mit anderen Krankenwagen. Ich bin erleichtert, das Paulinenstift hätte mir nicht gefallen, es hat einen schlechten Ruf. Dankbar schaue ich zum Himmel hoch: Der ist blau.

Links eine Hecke, einige Spatzen tummeln sich lärmend dort. An ihrer dunkelgrauen Kehle und dem dunklen Brustlatz erkenne ich zwei Männchen und drei, vier Weibchen. Sie alle flattern hastig aus der Hecke, landen auf dem Asphalt. Picken da und dort, schwirren dann wieder in die Hecke zurück.

Die beiden Sanitäter schieben mich an den parkenden Krankenwagen vorbei, direkt zur großen Glastür, die sich schnurrend öffnet. Gestalten in unförmigen, transparenten hellblauen Schutzanzügen mit Kapuze sowie Helm mit Plastiksicht übernehmen mich, laden mich auf die krankenhausinterne Bahre um, dabei sprechen sie mit den beiden vom ABS.

Ich verstehe nichts von ihrem Gespräch, aber das wurmt mich nicht. In meinem Alter muss ich nicht mehr alles hören und verstehen, wichtig für mich: Ich kann mir mein Bild machen.

Von den beiden Gestalten in ihrer Schutzmontur, die mich nun zügig durch einen langen Gang rollen, sehe ich nichts. Ihre Körperformen kann ich einzig ahnen, ihre Gesichter bleiben mir hinter ihren Mundmasken sowie den Plastikgesichtsschutzschildern verborgen. Höre, sie unterhalten sich. Serbisch, vielleicht auch Kroatisch, ich kann die beiden Sprachen nicht unterscheiden, doch ich verstehe ein wenig. Gde ga vodimo? Na test.











 

 

 












 
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