Paul Krieger

Tex und Sprache

Der Neubau

Hörspiel für ein dramatisches Abschreibmodell mit einem Erzähler, zwei weiteren Stimmen sowie verschiedenen Geräuschen.


Das Haus ist neu, aber das Glas der Eingangstür ist des Öfteren eingedrückt. Ob von drinnen oder draußen lässt sich immer erst bei genauerem Hinsehen entscheiden.

"Du, kannste mir mal ´nen Fuffziger leihen? Wir haben überhaupt nichts drauf im Augenblick."

Das war der Jochen, mein neuer Nachbar. Aber der gehört jetzt nicht hierher. Ob ich auch in diesem Haus wohne, wollte vorhin der arrogante Schnösel wissen, der an den Briefkästen einen Namen suchte. Aber klar doch!, hab ich frisch geschmettert.

Durch Helga war ich hier gelandet. Die war aus Rumänien hierher ins Haus gekommen und suchte damals am Aushang der Uni einen Nachmieter. Was zu ihrer Zeit noch möglich war ohne Dreimonatskündigungsfrist. Bei der Nummer 20 sollte ich klopfen, gegen sechs sei sie bestimmt da.

Das war im Januar gewesen. Kalt war es damals und dunkel um sechs. Der Anmarsch auf dem neuen Fußgängerweg war nicht, gerade angenehm. Nicht nur, weil jede zweite Laterne ausgeschaltet war. Auch bei bester Beleuchtung wäre ich mir ganz schön verlassen vorgekommen, in dieser Wildnis dort draußen.

Heute - dreizehn Monate später sieht das allerdings ganz anders aus. Jetzt haben sie fast das ganze Neubaugebiet mit ihren braunen und hellroten, beinahe rosaroten Häusern zugebaut. Und die vollbesetzten Parkplätze vor dem Kasten zeugen vom Leben dort drinnen.

Damals war die Helga allerdings doch nicht da. Zehn Minuten war ich zu spät gekommen. Worauf ich mir vom Hausmeister ein anderes Appartement zeigen ließ. Das lag auf dem gleichen Flur, auf dem sie wohnte. Entschied mich dann dagegen, irritiert vom zwiebelweißen Einheitsmobiliar: Liege, Schrank, Schreibtisch.

"Haste vielleicht auch was zu futtern? Meine Frau war heut mittag schon auf den Feldern hinterm Haus Kartoffeln klauen. Waren aber nicht mehr viele da. Mensch, stell Dir mal vor, wenn die erwischt worden wäre!"

Wieder der Jochen. Ich gebe ihm eine Dose Fisch. Ob ich denn auch etwas Kaffee für ihn und seine Frau hätte? Er sei gerade erst entlassen worden, erzählt er mir. Er sei doch eine ehrliche Haut und ich sei ihm sympathisch. Deswegen sagt er mir's lieber gleich.

Ach nee, eigentlich graut mir nicht vor ihm. Weitaus gefährlicher scheint mir da der Kerl, der ständig zum Fenster rausglotzt und dann immer zu mir und den andern durchs Fenster reinstiert. Der hängt mit seiner plattgedrückten Schlägernase schon um acht in der Früh mit der Bierflasche in seiner rechten Pranke auf der Fensterbank und lallt dort auf einen ein, der sein Sohn sein könnte. Den wiederum sehe ich meistens mit seiner gelben Wienerwaldtüte, aus der es mächtig scheppert, hier beim Haus ankommen.

Die beiden gehören zu einer Clique im Haus, die von Abstinenz nicht gerade viel hält. Gehe ich zum Supermarkt, dann sehe ich die versammelte Sippschaft auf dem Rinderspielplatz hocken, der Kasten Bier fehlt da natürlich nicht. Penner sind die nicht gerade, aber viel fehlt nicht dazu.

Sozialhilfe, hat mir Bärbel gesteckt. Die trifft diese Leute nämlich immer im Amt, wenn sie ihre Unterstützung als ledige Mutter dort abholt. Also, das war schon zu bewundern, wie Bärbel in aller Seelenruhe hier die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft durchgezogen hat. Eines Tages dann war sie fort, tags zuvor hatte sie noch quietschschmunter mit ihrem dicken Bauch ihr Fenster geputzt. Und eine Woche drauf quakt es laut aus ihrem Fenster heraus. Wusste genau, dass konnte nur bei ihr sein, andere Säuglinge gibt es nämlich hier nicht. Ist ein Junge, Gerd Junior, so benannt nach seinem Vater, Gerd Senior, 37, verheiratet, zwei Kinder bis dato. Kommt aus dem gleichen Kaff, aus dem Bärbel kam. Seinen Sohn erkennt er stolz an - auf dem Jugendamt, daheim allerdings darf niemand davon wissen. Vor allem nicht seine Frau, hatten doch gerade ein Haus zusammen gebaut. Eine Scheidung jetzt wäre viel zu teuer.

So also war die Bärbel Kundin beim Sozialamt geworden. Und dort hatte sie auch den Alten getroffen, der nach jedem Länderspiel sturzbesoffen vorm Haus krakeelt, um seiner Enttäuschung über diese Blamage Luft zu verschaffen.

Eingewiesen, was sonst, aus eigener Tasche könnten die doch nie und nimmer die vierhundert Mark für die Miete zahlen. Zumal sie alles versoffen, selbst die Neundreißig Tagessatz. Erklärte mir der Hausmeister vor einigen Wochen, als ich an dem total verwüsteten Zimmer vorbeikam. Die Doppelglasscheibe war rausgehauen, der Fernseher zerdeppert; am Boden ein einziges Chaos. Man hält das kaum für möglich, wie auf sechzehn Quadratmetern so viel Müll herumliegen kann.

Nein, nein, Brigittes Zimmer war das nicht, obwohl sie einmal ausflippte,weil sie einfach keine Arbeit finden konnte seit elf Monaten. Was ihr so an die Nerven gegangen war, dass sie jetzt in der Klapsmühle sitzt.

"Okay, dann, komm ich zum Quatschen rüber. Dann passiert auch nichts."

Jochen wieder. Weil er seine Alte nicht vermöbeln will. Was macht man doch manchmal so leichtfertig Vorschläge! Der Kerl wird langsam lästig. Jetzt sagt er schon ganz genau, was er braucht. Lehne ich ab, legt er den Kopf schief, guckt mich an, als geschähe ihm größtes Unrecht. Was ist der Kerl so unselbstständig, der bräuchte ständig einen Aufpasser. Nee, Angst hab ich noch immer nicht vor ihm, auch wenn ich inzwischen weiß, warum er sieben Jahre gesessen hat. Der Suff, versteht sich. Grund zur Panik ist trotzdem nicht angebracht. Packt man ihn richtig an, tut der keiner Fliege was zuleide. Sein Pech ist einfach nur, dass er so kräftig gebaut ist. Kann nicht so recht mit seinen Kräften umgehen. Wenn er mal hinlangt, dann langt das eben. Ich will natürlich nichts entschuldigen. Nur erklären, warum er das so furchtbar unfair findet, dass der andere in der Kneipe gleich in eine andre Welt abgehauen ist. Deshalb fürchte ich mich eben nicht vor ihm. Er ist einfach ein Riesenbaby, mit dem man schon auskommen kann, selbst wenn er total zugenagelt ist.

Bei dem, der vor ihm im Appartement nebendran gewohnt hat, sah das schon ganz anders aus mit meiner Angst. Da hab ich nachte, wenn ich nach Hause kam, immer höllisch aufgepasst, ob er nicht hinter einer Ecke lauert. Einmal hatte ich bei dem Sturm geläutet, weil er bis nachts um halb eins auf seinem Kaufhallen-Rekorder am offenen Fenster den Elvis seinen Hounddog plärren ließ. Als er dann mit dem Brotmesser in der Hand vor mir im Türrahmen hin- und her schwankte, war ich eiskalt gewesen. Aber hinterher! Meine Güte, da hab ich mich erst mal hinsetzen müssen. Weil der doch nicht ganz dicht in seinem Kopf war. Wer wusste schon, wohin der mein nächtliches Rausläuten steckte!

Der kam übrigens auch aus Rumänien. Verstand allerdings kein Wort Deutsch, war ein echter Rumäne, anders als Helga, die ja eine Deutsche war. Die Polizei musste immer mit Dolmetscher anrücken, wenn sie ihn in Gewahrsam nehmen wollte. Weil er wieder mal irgendwelche Aufzüge am Fenster veranstaltet hatte. Wo er des Öfteren voller Übermut wie ein Affe herumjohlte. Hounddog dabei plärrte, was sonst. Und brüllte einer was von Ruhe, es gäbe selbst in diesem Haus auch ein paar Menschen, die am Morgen um sechs rausmüssten, verstand er das natürlich ganz anders. Und wehe, da lachte einer! Dann balancierte er auf dem 'Fenstersims herum und schrie und jauchzte noch dreimal lauter.

Aber lange war er ja nicht mein Nachbar, der Peter, so hieß er, glaube ich. Nach drei Wochen wurde die Turnerei dem Müller, unserm Hausmeister, zu dumm. Zuvor hatte dem Peter bereits der Ali eins über die Rübe gezogen, Der Krankenwagen kam mit Sirene und Blaulicht und sogar in der Zeitung war es gestanden. Aber zurück. zum Müller. Der hatte eines Nachts die ständige Rausläuterei der Leute, die sich über Peter beschweren, satt und stellte dem Irren kurzerhand den Strom ab.

Der war so verdutzt über die plötzliche Dunkelheit und Stille, dass er keinen Mucks mehr tat dort am Fenster. Was allerdings nicht lange anhielt. Erst schien er zu überlegen, dann hockte er sich im Schneidersitz auf die Fensterbank und nahm unterm vollen Mond und vor dem grinsenden und lachenden Publikum den Rekorder auseinander. Als der, zusammengeschraubt, noch immer nicht laufen wollte, haute er das Ding unter lautem Wutgeheul auf dem Sims kurz und klein. Und dann sang der Kerl selber, besser gesagt, brüllte und heulte in die Nacht hinaus. Unterdessen hatte sich aber schon der Müller mit seinem Generalschlüssel zu seiner Tür hereingeschlichen. Der Peter muss vielleicht Augen gemacht haben, als da so unvermutet Meister Müller mit dem Prügel in der Hand vor ihm stand.

Zu sehen gab es wenig - dafür umso mehr zu hören. Ein wenig unangenehm war es dem Müller hinterher schon. Wie er da vorgegangen war, hatte ein paar Leuten im Haus gar nicht gefallen. Was er natürlich zu Ohren bekam. Sogar die Polizei kam ihm mit dummen Fragen. Dann aber war die Sache schnell vergessen und der Bekloppte war draußen. Und Ruhe herrschte wieder im Haus, also zumindest bei mir nebenan.

Wo dann die Engländer einzogen. Paul, Dave und Jerry nannten die sich. Waren im allgemeinen ruhige Nachbarn. Auch wenn einmal wegen Paul die Polizei auftauchte. Oder besser gesagt wegen des VW-Busses, mit dem sie quer durch Europa gepilgert waren. Mit dem waren angeblich ein paar Pakistani in die Felder abtransportiert und dort traktiert worden. Aber der Paul hatte damit nichts am Stecken, wie er sagte. Er hatte seinen Bus an dem besagten Abend einem Asylanten überlassen. Einem von denen, die hier immer mit dem Taxi vorfahren. Zu dumm, den Weg nach Haus allein zu finden, könnte man da fast glauben, meinte mal die Bärbel.

Die Sache verlief dann im Sand. Und ich kam, wie gesagt, ganz gut mit den dreien klar, das heißt mehr mit dem Dave. Der Paul war ja von einem Tag auf den andern nach London zurückgetrampt, hatte irgendwelche Schwierigkeiten mit seinen Papieren bekommen. Aber so genau hab ich da nicht nachgehakt. Die 800-Mark-Kaution konnte er natürlich abschreiben. Was andererseits aber auch einzusehen ist. Irgendwie musste die Hausverwaltung ja auch klarkommen. Die Pacht für die Besitzer musste erst mal erwirtschaftet sein. Umsonst investiert niemand, selbst der humanste Arzt nicht.

Der Dave dagegen hat die Kaution nicht sausen lassen. Das heißt, ich hoffe doch stark, dass die Verwaltung sie ihm nach den zwei Monaten, die sie für die Erledigung der Kündigung benötigten, überwiesen hat. Ich rackere mich nämlich nicht gern für nichts und wieder nichts ab. Was haben wir die Bude poliert? Und dann erst die verfluchte Streicherei. So oft wir auch über die Wände malten, die Farbe warf einfach Placken. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Unverdünnt hätten wir vorgehen müssen, meinte Müller, als er zum ersten Mal wegen der Abnahme kam. Die Maler hatten beim Erstanstrich irgendsoeine besondere Farbe genommen, deshalb sei jetzt jedes Verdünnen mit Wasser Streicherei für die Katz. Hinterher ist man immer klüger, dem Müller hätte ich eine verpassen können, als er uns das fachmännisch erklärte.

"Kannste mir deinen Rekorder borgen, bitte!"

Der Kerl nervt! Doch, klar, ich gebe ihm den Rekorder. Und die Pink Floyd dazu. Tut mir natürlich leid, wie er da mit verheulten Augen vor mir steht. Die Gitarre aber kriegt er nicht! Da mag er früher ein noch so guter Lead-Gitarrist gewesen sein. Würde mich ewig ekeln, nach ihm den Hals meiner Klampfe anzupacken. Der Kerl ist so so entsetzlich versifft. Wann hat der nur seine Haare das letzte Mal gewaschen! Schnell reiche ich ihm den Rekorder, bevor er nach der Fender fragen kann.

Warum er flennt? Na, die Frau haben sie ihm abgeholt. Ihre Tochter kam extra von Münster runter - Angst um die Mutter, weil er sie mal wieder verprügelt hatte. So Unrecht hatte die Tochter gar nicht mal, was ich allerdings dem Jochen nicht sage. Wen er denn jetzt überhaupt noch auf der Welt hätte, schluchzt er, was ich ihm abkaufe. Aber warum macht er es einem auch so schwer. Kannste mir, kann er sagen, haste mir, kann er fragen, aber sonst sagt er eigentlich nichts.

Ach, lieber schnell zurück zu Dave und dem Appartement abnehmen. Ich denke schon, dass der Müller der Hausverwaltung sein OKAY gegeben hat. Wenn ich hier einmal ausziehe, werde ich gleich auf Nummer Sicher gehen. Geb´ dem Müller die Hundertfünfzig bar auf die Hand, die er für das Renovieren verlangt. Der erledigt die Sache dann schnellstens, macht das oft genug. Vor allem kann ich dann noch beim Auszug am Dreißigsten sicher sein, der lässt mich nicht hängen und ich bekomme mein Geld tatsächlich zurück. Abgesehen von den Hunderfünfundzwanzig für die Abnutzung des Inventars, versteht sich.

Die Passage hatte ich doch damals glatt übersehen, als ich den Vertrag in aller Eile unterschrieb. Handele sich um einen ganz normalen Mietvertrag, hatte der Makler beteuert. Worauf ich mich auf sein Wort verließ und nicht genauer hinsah. Das liegt mir heute noch im Magen, obwohl da nichts mehr zu ändern ist. Dafür werde ich auf jeden Fall die Zinsen verlangen für meine Kaution, auch wenn das im Vertrag nicht ausdrücklich vermerkt ist. Bärbel meinte zwar, ihre Ex-Nachbarin sei leer ausgegangen, aber mit mir können die das natürlich nicht machen. Ich werde denen dann schon ein Grundsatzurteil dazu unter die Nase halten.

Dave war voller Zweifel, was die Rückzahlung seiner Kaution anging. Aber die Lohn- und Kirchensteuer ist ihm auf Heller und Pfennig nach England überwiesen worden. Zweitausend. Hat der Jerry berichtet und sah dabei ganz schön bedrückt aus, weil er sich nicht auf mich verlassen wollte. Dem Finanzamt hatte er misstraut, nachdem die sich so anstellten, als er mit Dave seine Rückkehr vorbereitete. Ließ sich lieber gleich auszahlen bei einem Lohnsteuerverein. Cash. Fünfhundert bar auf die Hand. Jetzt stinkt ihm das natürlich, zumal er wieder hier in Deutschland ist. Mir stinkt es allerdings auch! Ich hätte ihm nämlich mindestens siebenhundert gegeben - wären die auf meinem Konto gewesen, als Jerry heimdampfte.

Und jetzt war er also wieder im Land, war wieder ins Haus zurückgekehrt. Schon komisch dieser Kasten. Betritt man ihn zum ersten Mal, denkt man, nichts wie raus. Aber irgendwie kommt man nicht los von dem Bau. So wie ich nach jenem ersten Besuch und der anschließenden Flucht zurückgekehrt war. Und als mir der Müller den Dritten Stock, Flurende und herrliche Ruhe, vorführte, da hab ich mich richtig auf meinen Einzug gefreut. Und das war bestimmt nicht der Druck, weil es mit Vera nicht mehr richtig klappte und sie nicht erwarten konnte, dass ich aus ihrer Wohnung verschwand. Was habe ich mich auf die Kabelanlage gefreut. Kein Regnen mehr im Bild, alle Programme in bester Qualität. Und Pflanzen hab ich mir ans Fenster gestellt, wie viele meiner Nachbarn auch.

Echt wohlgefühlt dann. Nebendran wohnte noch eine hübsche Studentin und himmlisch ruhig war es auf unserem Flur. Und an das Klavier obendrüber hatte ich mich sofort gewöhnt. Der oder die kann noch so lange üben ohne Teppichboden, das stört nicht die Bohne. Da wird nämlich richtig gut gespielt. Unheimlich beruhigend, sein Mozart bringt mich jedes Mal ganz nah zu mir.

Anders als der Jugoslawe gegenüber. Der nervt heute. Heimatgejodel und ins Telefon brüllt er, als wäre er gerade auf Montage in einer Halle bei Opel.

Zum Glück ist Dragan meistens unterwegs. Stört also selten. Auch die Rasenmäherei vom Hausmeistergehilfen jeden dritten Tag lässt sich mit etwas gutem Willen verkraften. Einer muss sich ja um den Rasen kümmern, damit der nicht im Sommer verbrennt. Sieht ein grüner Rasen nicht immer schöner aus? Und Chrysanthemum und andere Blumen wurden dort vor ein paar Tagen in der Wiese eingegraben, also gepflanzt. Jetzt sieht man gleich, dass das Grün zur Zierde und nicht zum Liegen da ist. Gut gemacht. Ansonsten würde nämlich im Sommer wieder auf dem Rasen herumgelungert und ein Mordsdreck hingekippt. Und an Ordnung und Sauberkeit denkt natürlich keiner, geht es dann ins Bett.

Da ich gerade beim Sommer bin: Eigentlich macht es mir nichts aus, alles von drinnen oder draußen mitzubekommen, wenn es wärmer wird. Etwa die Flucherei. Oder das Angiften. Oder das Gestöhne. Was natürlich nachts nicht zu überhören ist. Aber irgendwie ist das ja normal, dass da im Mai, wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen durch die Scheiben fallen, die Polizei regelmäßig vorfährt. Da feiern eben ein paar und sind nicht zu bremsen in ihrem Wohlgefühl.

Das sind doch Kleinigkeiten, die der guten Laune nicht das Geringste anhaben können. Wenn ich allerdings auf meinem Stockwerk auf den Aufzug warten muss, dann schleicht da so ein saublödes Gefühl um mich herum. Dann kommt mein Kopf vom Appartement neben der Aufzugstür nicht weg und ich denke jedes Mal, ich muss ganz schnell raus ins Freie, sonst kotz ich los. Der Vater taucht da nämlich immer wieder vor mir auf, wie er, mit den weißbeschichteten Regalbrettern bepackt, sich müht, die Appartementtür hinter sich zuzuziehen.

Dreimal sah ich den an jenem Tag damals vollbepackt zu den beiden Wagen auf dem Parkplatz laufen. Sein Blick war ganz weit weg, leer. Wie ein Fernseher ohne Bild, die Röhre rausgehauen,so schien mir sein Blick. Das hat unweigerlich weh getan, sah man den Mann an. Ob der den Desinfektionsgestank im Appartement seines Sohns überhaupt wahrnahm, fragte ich mich damals. Denn klar, da hatte mächtig gesprüht werden müssen, immerhin hat sein Sohn zehn Tage lang allein in seinem Zimmer gelegen, nachdem die Säure ihm den Hals durchgefressen hatte. Als schließlich der Müller die Tür aufschloss und ihn umdrehen wollte dort am Boden, da seien dem die Gedärme aus dem Leib gefallen, so der Müller. Fix und fertig war er damals.

Zog sich daraufhin total die Hacke zu. Obwohl er weißgott schon einiges erlebt hatte in diesem einem Jahr, seitdem das Haus bewohnt wird. Zuerst der Zuckerkranke, der nicht mehr rechtzeitig zu seiner Spritze gekommen war. Dann der Rover, der totgefixt und mit Schaum vorm Mund auf der Couch gelegen war, als der Müller den Polizisten die Tür öffnete.

Die hatten zuvor einen anonymen Anruf bekommen. Appartement Sechzehn war das gewesen, das hatte mir der Müller damals bei meinem ersten Besuch im Haus angeboten. Ekelhafte Vorstellung, finde ich, in so einem Appartement zu wohnen. Aber die Sechzehn hatte mir ja überhaupt nicht gefallen und ich hatte abgelehnt. Als ob ich etwas geahnt hätte, denke ich manchmal. Achja. Aber um den Abtransport des Selbstmörders gegenüber im Vierten Stock, da kam ich dann doch nicht drumherum.

Das war ein wunderschöner Frühlingstag gewesen. Die Sonne brach sich funkelnd auf dem Metallsarg, blitzblankgewienert sah der aus. Und der Totenträger war so jung wie der Student im Sarg, den er da im Wagen zu verstauen hatte. Hinterher klopfte er sich lang seinen dunklen Anzug aus, wischte ausführlichst die Hände mit Kleenex ab, schnupperte misstrauisch zwei-, dreimal an den Händen.

E 505 und Ätherbausch, so war der im Sarg vorgegangen. Tags zuvor war er noch im Skiurlaub gewesen. Und ganz normal, habe die Freundin seiner Mutter erzählt. Dann sei er allein nach Hause gefahren. So hatte seine Mutter dem Müller erzählt. Den hatte sie nämlich angerufen, weil aus heiterem Himmel hätte sie so ein komisches Gefühl überfallen. Der Müller hatte der armen Frau dann ..., aber Augenblick, es hat gerade geklingelt.

"Hat Ihr Nachbar Ihnen zufällig erzählt, wohin er wollte?"

"Ich verstehe Ihre Frage nicht so recht."

"Na, den werden Sie jedenfalls so schnell nicht wiedersehen. Hat gegenüber aus einer Baubude einem Jugoslawen 300 Mark geklaut. Wenn er jetzt erwischt wird, sitzt er natürlich wieder. War ja nur auf Bewährung draußen."

Der Jochen ist wirklich dümmer als die Polizei erlaubt. Klaut am helllichten Tag und lässt sich auch noch beobachten dabei? Und Schlägernase musste er vorprahlen, dass er sich seine Frau zurückholt. Wobei er dem mit dem Revolver unter der Nase herumgefuchtelt, bevor er ihm den Rekorder für dreißig und die Pink Floyd für zwei Mark verkloppte. Schlägernase hat das den Beamten natürlich brühwarm erzählt, ist doch selber nur auf Bewährung draußen. Und dass er den Rekorder nur für den Bub seiner Ex-Frau wolle, ehrlich, hat er den Beamten geschworen.

"Haben Sie ihm etwa auch Geld geliehen?"

Dumme Frage von Meister Müller, finde ich. Und von den Pakistani und den Bimbos hatte er gehört, erklärt Müller weiter, der hätte die Frau sogar von Tür zu Tür geschickt, aber nicht allein zum Betteln.

Das Haus ist neu, denke ich, als ich im Aufzug nach unten fahre, weil ich mich mal wieder an der Uni zeigen muss. Das Haus ist so neu und Leute haben da schön investiert. Die Stromversorgung klappt tadellos, die Heizung funktioniert anstandslos und sanitär läuft da nichts über, denke ich, als ich die frisch verglaste Eingangstür aufziehe.


 
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