Paul Krieger

Tex und Sprache

Malinowski kommt

Roman 

 

Eine Geschichtsgeschichte aus den Achtzigern mit den Siebzigern, ca.300 Seiten

Konfrontiert mit Terrorismus und Mord, gerät das Weltbild Malinowski ins Schwanken. Manch einer wird sich beim Lesen erinnern, wird sich wiederfinden, wenn Rainer, der sich nicht verlieren will in Oberfläche und Entschuldigung, schließlich an der größten Demonstration der Nachkriegszeit im Herbst '81 teilnimmt. Findet er dort die Antwort, die er sucht?

 Demnächst als Buch und Kindle oder sonstige Formate

 


Leseproben

 

 

 

 

 

 

Malinowski kommt

Eine Beschreibung aus dem Herbst 81   paul.k


1

Ein Spätsommertag mit blauem Himmel und frohem Vogellärmen hier im Grünen. Wissen Sie, als diese Geschichte beginnt, ist es unnatürlich heiß und schwül. Ich fühle mich wie im tropischen Regenwald. In Strömen rinnt der Schweiß mir von der Stirn in die Augen, es brennt. Alles klebt. Aber ich bin nicht in Phnom Penh oder Kisangani. Im Gonsenheimer Wald zu Mainz bin ich, und es ist Ende September, Mittagszeit. Und ich bin gelaufen. Bei solch einer Hitze, bei dieser hohen Luft­feuchtigkeit fällt das zwar nicht gerade leicht, aber ich habe mein Pensum eisern durchgezogen.

Aber halt, lassen Sie mich zuerst sagen, wer ich bin. Gestatten, Malinowski, Klaus Malinowski. Und glauben Sie mir, die Zeit ist reif, jetzt muss ich diese Geschichte endlich erzählen, viel zu lange habe ich geschwiegen. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät.

Wie gesagt, es ist brütend heiß. Ich lockere die Arme, wische mir mit der Hand den Schweiß aus der Stirn, lausche dabei einer Amsel hinterher. Ich lasse meine Arme kreisen und gehe den Fußgängerweg hinter den wenigen geparkten Fahrzeugen entlang. Gähnende Leere heute am Parkplatz, sonntags sieht das hier ganz anders aus. Aber wer hat schon mitten unter der Woche mittags Zeit zum Laufen. Reagan, Breschnews schon gar nicht.

Der liest im Kreml, denke ich, bestimmt gerade mit Andropow, Leiter des KBG, Geheimdienstberichte aus Afghanistan. Außenminister Gromyko ist auf Auslandbesuch - will etwas an der verfahrenen Situation dort unten ändern und sucht Verständnis bei den Verbündeten.

In Washington ist jetzt sechs, morgens und Präsident Reagan setzt sich, denke ich, in diesem Augenblick mit seinem Berater Zabrinski an den Frühstückstisch, um die Ergebnisse einer Meinungsumfrage unter den Amerikanern zu diskutieren. Es geht um seine Beliebtheit.

Die scheint gesichert, aber bei uns mag man seine Pläne gar nicht, denn Aufrüstung ist angesagt und es gibt viele hier, die mögen das gar nicht. Drum rief man zum Marsch auf Bonn auf. In ein paar Tagen geht es los.

Geschafft, denke ich erleichtert über meiner Gymnastik. Ich komme jetzt an einem weißen Mercedes mit grünem US-Nummern­schild vorbei, dann an einem grauen Uralt-Käfer. Verklebt und damp­fend schaffe ich mich weiter, als plötzlich eine Bewegung im äußersten Augenwinkel einschlägt.

Erschrocken zucke ich zusammen, irri­tiert starre ich in jenen blauen VW-Bus hinein, auf dessen Höhe ich gerade bin.

Da hängt ein komischer Kerl auf dem Fahrersitz - Babyface, blond, sauberer Kurzhaarschnitt. Er stiert mich wie abgestochen an.

Ich bin so verwirrt unter diesem Blick, dass ich unwillkürlich an meinen Laufklamotten hinunter prüfe. Aber T-Shirt, die blauen Sporthosen sind in Ordnung. Ob der Typ Jogger für Bekloppte hält, frage ich mich.

Kopfschüttelnd trotte ich weiter, zurück zu meinem, oder besser gesagt, zu Veras Wagen. Als ich dann neben ihrem roten Kadett verschnaufe, rollt mit tiefem, mit zufriedenem Blubbern eine grüne BMW ganz langsam, ganz behutsam an mir vorbei.

Da spüre ich einen selt­samen Druck; so ein Gefühl, als ob ich bei Gegenverkehr überhole, habe ich. So ein Gefühl vergisst man nicht, nie mehr vergisst man das, glauben Sie mir.

Ich bin mir dort am Waldrand auf der Stelle sicher, die beiden auf der Maschine in ihrer rotweißen Lederkluft sehen mich sehr genau, wirklich sehr genau an.

Dann rollt die Maschine gemächlich aus, kommt neben dem VW-Bus zum Stehen.

Jetzt versperren mir Ami-Mercedes und der gammelige Käfer die Sicht. Aber ich kann doch erkennen, dass die beiden weiterhin auf dem Motorrad hocken. Sie setzen die Helme gar nicht ab. Dreißig Sekunden ver­gehen, vierzig, nichts tut sich. Die bleiben einfach auf ihrer BMW sitzen. Ich wundere mich, unterhalten sich die beiden etwa mit dem Kerl im Bus?

Können Sie mich verstehen? Wissen Sie, an was ich sofort dort im Wald denke? Nein? Aber denken Sie doch nur einmal an jene Zeit zurück!

Natürlich marschieren damals auf der Stelle meine Gedanken in eine, in die eine ganz bestimmte Richtung. Denn HH hatte ich auf dem Nummernschild gelesen, als die zwei an mir vorbeirollten. Und dass ein Kerl die Maschine lenkte und hinter ihm eine Braut aufsaß.

Jung müssen sie sein, folgere ich damals, weil die haut­engen Lederanzüge deutlich schlanke, durchtrainierte Körper zeigen. Und da frage ich mich natürlich, wieso kommen zwei aus Hamburg zu diesem Parkplatz im Wald angeblubbert? Doch nicht einzig, um nach dem rechten Weg zu fragen. Zumal wohl ich vor dem Typ im Bus dran gewesen wäre, Aus­kunft zu erteilen, verstehen Sie.

Denken Sie also bitte einmal an jene Zeit zurück! Richtig, ich denke direkt an die Anschläge in den letzten Wochen. An Ramstein und an Heidelberg denke ich. In beiden Fällen wurde nach Motorrädern gefahndet. Und suchte man nicht auch beim Buback-Mord nach einer Honda?

Natürlich kommt mir da auch der Prozess gegen die Hoffmann in den Sinn, wo es um Mord am Banker Ponto ging. Der Prozess soll morgen beginnen.

In diese Richtung, das verstehen Sie jetzt sicher, denke ich dort im Wald sofort. Und wissen Sie was? Längst bin ich mir sicher, dass hier in Rhein-Main die Terrorzentrale dieser linken Terroristenheinis steckt. Hier spielt deren Logistik auf. Hier wird nach Herzenslust geschaltet und herumoperiert. Bewegungen fallen in Rhein-Main keinem Menschen auf: Hier gibt es Wäl­der, in denen sie in aller Seelenruhe rumballern und freudigst ihre Bazoobas und Kalaschnikows testen können. Oder warum ging der Bekennerbrief mit Schleyer-Bildnis ausgerechnet bei einem Pfarrer in Wiesbaden ein? War in Mainz nicht eine Bombe hochgegangen, um den Tod des Holger Meins kundzutun.

Glauben Sie mir, Rhein-Main ist Hochburg, wo die linken Bombenleger herrschen, Filialen gibt es in Hamburg und Berlin. Und die rechten Bombenmacher, die finden sich in Bayern und in der Lüneburger Heide und sonst noch jodwehdeh.

Davon bin ich damals dort im Wald überzeugt und also hämmern mir dahin die Gedanken. Inzwischen sind bestimmt zwei Minuten vergangen, und nach wie vor klebt dies sonderbare Pärchen auf der grünen BMW.

Das muss ich mir doch einmal aus der Nähe anschauen, denke ich und schlendere betont lässig in deren Richtung. Ich täusche unter dem herrlichen blauen Himmel weiterhin Gymnastik vor und beuge und beuge, so locker ich das kann, den Rumpf, berühre mit den Handflächen den Boden.

Es ist wie gedacht, verstehen Sie. Die zwei quatschen mit Babyface im Bus. Der hat die Seitenscheibe heruntergekurbelt.

Jetzt sagen Sie selbst - etwas ist doch hier oberfaul. Hören Sie, hätten Sie da nicht auch an die Polizei gedacht?

Die Firmenreklame auf dem Bus leuchtet weit und knallig bunt durch die Gegend, ich bin mir sicher, der Bus ist geklaut. Ich ver­suche das Hamburger Kennzeichen vollständig zu entziffern. Folglich eifrigstes Hüftkreisen jetzt, dabei schaue ich ganz Unschuldslamm hin zu den dreien. Aber ich kann das Nummernschild einfach nicht so recht entziffern.

Das ärgert mich, und ich denke mir, sollte das hier tatsächlich um Terror gehen, so gehört es den dreien schon gezeigt. Nimmt sich denn nicht jeder selbst jedes Recht auf Leben, wenn er einen andern aus dem Leben bombt? So denke ich nun mal, da bin rigoros.

Dann aber denke ich, du bist doch einzig an den ausgesetzten Fünfzigtausend interessiert.

Diese Vorstellung macht keinen Spaß. Ich versuche die grässliche Idee zu verwerfen. Dabei fällt mir jedoch ein, wie früh ich bereits begann, alle möglichen un­scheinbaren Köpfe hinter einer klugen Zeitung mir genauer vorzunehmen.

Seit Zweiundsiebzig, muss das so sein.

Stellen Sie sich das einmal vor! Seit Zweiundsiebzig studiere ich ausgiebigst die stolzen Besitzgesichter in metallic- und orangefarbe­nen BMW. Seit 72 spähe ich in jeden Alfa, in jeden Porsche rein, seit kurzem interessieren mich darüber hinaus alle Golfs und Fords. Wenn auch mein Interesse bisweilen erlahmt, Reizüberangebot, kein Wunder, wacht es dann aber schon immer wieder auf.

Aber zurück, zurück in den Wald.

Weiterhin turne ich den dreien etwas vor, obwohl mir dabei nicht gerade wohl ist. Das Bild vom Schmücker im Grune­wald im STERN, der blutverschmierte Schädel, das sah nicht gerade appetitlich aus.

Fünfzigtausend! Da zuckt mein rechtes Augenlid, ich reibe kräftig daran herum.

Fünfzigtausend, denke ich, obwohl ich gar nicht so denken will, hieße, hier fünf sorgenfreie Jahre und in Indi­en dreimal so viel. Fünf Jahre wie im Paradies gelebt. Da kommt man schon ins Schwärmen, wenn man sich gern beschränkt.

Wissen Sie, natürlich will ich mein Leben leben, das heißt, gut leben. Aber das ist es auch schon. Ich arbeite stets gerade soviel, dass es für das Notwendigste reicht. Meine Zeit ist mir sehr kostbar, die will ich nicht an andere verkaufen, verstehen Sie.

 Und schreit mir mal einer ins Ohr, du bist hier nicht zum Schlafen und zu deinem Spaß allein, wir leben hier schließlich in einem Gemeinschaftswesen, halte ich mir lieber die Ohren zu. Gibt es denn nicht schon genügend andere, die anderer Leute Vorwürfe sich zu Herzen nehmen? Geht nicht jeder dritte mit der Sorge um die Zukunft zu Bett, jeder zweite mit der Angst vor ihr? Wachstum, das allein heißt Erfolg, das ist uns fest eingeimpft. Folglich streckt man sich, lässt sich strecken, erträgt die unmöglichsten Verrenkungen mit zugekniffenem Gesicht.

Das wissen Sie selbst, nicht wahr, mit diesen Leuten sind die Straßen hier voll. Und recht wenig ist da des öfteren zu hören, aber verdammt noch mal, denken Sie nur einmal daran, wie das riecht!

Aus einem verzagten Arsch entweicht nie ein fröhli­cher Furz, sagte Luther. Klar, diese Damen und Herren in den Straßen, auf den Bürgersteigen stecken voller Missmut, und der muss raus. Also wird gestänkert, aber heim­lich natürlich nur, der Mut zur Offenheit ist längst an dieser Luft krepiert.

Verzeihen Sie, aber da bin und bleibe ich lieber Parasit. Jawohl, dazu stehe ich, ich lebe lieber vom Wirt. In Saus und Braus lebe ich dabei zwar nicht, aber ich lebe doch ganz gut, d.h. es langt zum Überleben. Solange die Leute hier mehr verdienen, als sie tatsächlich brauchen, fällt auch immer etwas ab für mich. 32.067.842.000 DM sollen bar in Umlauf sein. Zweiunddreißigmilliardensiebenundsechzigmillionenachthundertzweiundvierzigtausend, stellen Sie sich das einmal vor, da liegt doch wahrhaft öfters mal etwas auf der Straße. Wer nur offenen Auges durch den Alltag geht, kommt schon über die Runden, ohne sich gleich auf Lebenslang an Arbeitsplatz, an Arbeitgeber zu verkaufen.

So denke ich dort im Wald und recke, strecke den Kopf, um endlich diese Nummer auf dem Schild ganz zu erkennen. Dabei denke ich, wer wachsam ist, wird nicht lange wachliegen und darum zittern, ob der Chef die drei gebuchten Wochen zum geplanten Termin freigibt. Und bei MacDonalds lässt es sich als MacBillig gratis auf die neueste Hamburger Kampagne leben.

Phantasie ist heutzutage einzig angesagt, dann überlebt, wer überleben will. Überlegen Sie nur einmal, sucht denn nicht jeden Tag jemand per Inserat und natürlich gegen eine hohe Belohnung nach einem Unfallflüch­tigen, weil der nicht gerne die zwölfhundert Mark für diese winzige Delle am Heck des andern zahlt? Dann bin ich dran und drum verbringe ich ein paar schöne Stunden im Freien und gehe spazieren. Irgendwo wird schon jener grüne Granada stehen, dessen rechter Kotflügel demoliert sein muss.

Geduld, einfach Geduld, glauben Sie mir, mehr braucht es nicht. Dann findet sich schon die braune Kroko­dilslederbrieftasche mit Führerschein, Schwerstbehindertenausweis und Bargeld drinnen, auf die eine hohe Belohnung ausgesetzt ist. Nur zu, die Augen aufgesperrt, es warten prächtige Prämien überall.

Ach, da komme ich fast ins Schwärmen dort über meiner Turnerei im Wald. Wem schliche nicht die fürchterliche Angst durchs Herz, Dr. Ungeheuer könnte dem lieben Tasso ans ungegerbte Leder. Und in der kahlen Krone des Lindenbaums jubi­liert der graugrüne Nymphensittich, der Oma Scholz entflogen ist. In der Hecke davor hockt der schwarze Kater Paul, der Frau Schulz entflohen ist. Hören Sie, frisch auf und froh ans Werk! Die Augen auf, so findet sich unweigerlich das Kapital, das uns die Vierzig-Stunden-Woche erspart.

Oder denken Sie einmal ans Makeln. Irgendwo im Freundes- und Bekanntenkreis wird immer gerade eine Wohnung frei, für die ein anderer gerne ein nettes Vermittlungssümmlein hinblättert.

So, das mache ich, davon lebe ich, aber darum geht es hier ja nicht, zurück also, zurück zu dieser Geschichte, zurück in den Wald.

 Ich gebe jetzt die Turnerei auf, alles glückt nun mal nicht im Leben, vielleicht gelingt es mir ja auf einem anderen Weg das Nummernschild zu erfahren.

Kehrtwende folglich dort unterm blauen Himmel, der grenzenlos scheint. Betont lässig schlendere ich zum Wagen zurück, auch wenn ich mich gar nicht so entspannt fühle.

Wissen Sie, so einfach, so leicht, ist es aber auch wieder nicht, das rechte Augenmaß beim Makeln zu bewahren. Schnell kann man übertreiben und Spaß am Zählen finden. Das wäre dann fatal, denn denkt nicht wer profimäßig zu Werke geht bereits ans Geschäft? Und wer geschäftdenkt, lebt ganz schnell prothese? Der Neuss hat durchgeblickt, als er zahnlos formulierte: Profit heißt immer Ver­dacht.

Ehrlich gesagt, ich fühle mich damals gar nicht besonders gut dort im Wald. Ich will nicht an die roten Scheine denken, die es für Terroristenköpfe gibt, tue es aber dennoch. Das macht mir schon ein wenig zu schaffen.

Veras Wagen, der rote Kadett, glotzt mich blöde an, als ich vor ihm auftauche.

 Vera, denke ich, ach ja, da stobt und stiebt es mir auch schon tief ins Herz hinein.

Nein, jetzt bitte nicht, entschieden knalle ich meine Faust aufs Wagendach. Liebe ist jetzt nicht angesagt, hier geht es um Terror und bei Dummheit und bei Terror ist keinerlei Anstand und Mitgefühl angesagt. Entschlossen reiße ich die Tür auf.

Die knarrt erbärmlich. Fett fehlt, aber ich fand noch keine Zeit für die Werkstatt. Ich seufze, gen Himmel schaue ich dann, bevor ich einsteige.

Der steht weiterhin strahlend blau dort oben. Zwei, drei weiße Wolken ziehen langsam von links nach rechts. Alles geht, alles geht weiter, sage ich mir da und steige ein.

Im Wagen schlägt mir eine höllische Hitze entgegen. Aber ich unter­drücke den Wunsch, beide Türen aufzureißen, um mir Durchzug zu verschaffen. Kostbare Zeit, die verloren geht, wäre das, denn ich denke, ich muss jetzt ganz schnell das Richtige tun.

So lege ich den Gurt um und starte. Der Motor springt sofort an. Als ich den Schlüs­sel im Zündschloss loslasse, mahlen sich mir sofort schleifend Zweifel ins Hirn.

Wenn das alles hier aber doch nur eine ganz harmlose Sache ist? Nicht jeder, der sich im Grünen trifft, ist gleich Terrorist.

So dreht sich das fest in mir und ruckt und zerrt, und ich komme nicht vom Fleck. Die Hitze nimmt mir die Luft, und dampfend steigt Verunsicherung auf. Ein wenig, scheint mir, widere ich mich selbst an.

Mensch, du, klingt etwas in mir, du glotzt vielleicht zuviel in die Röhre. Schlägst dir zu oft die Hucke mit dem Mist dort voll. Denkst vor lauter Bildverstopfung und Tonsalat echt Mattscheibe. Hast schon viereckige Augen. Zuviel XY genossen. Bist genau wie die, die ständig über die Schlechtigkeit in der Welt jammern. Früher war alles besser. An jeder Ecke siehst du Mord und Tot­schlag lauern. Glaubst du nicht, drei-, viermal am Tag den Christian Klar totsicher in dem roten Alfa an der Ampel zu erken­nen? Mann, mensch, du bist vielleicht eine kümmerliche Nummer!

Ich sitze festgezurrt im Wagen fest. Dort ist es heiß, viel heißer noch als draußen. Ich schwitze hundserbärmlich, denn die Kühlung funktioniert natürlich noch nicht.

Dies ist der beste deutsche Staat, den es jemals auf deutschem Boden gab, muss ich denken, so oft hat man mir das doch gesagt. Aber wissen Sie, das will ich doch sagen, denke ich an manche Methode in diesem Staat, oje, ach, können Sie das verstehen?

Ich hechle. Tief atme ich ein und aus. Dann nehme ich mir vor, zu Hause erst einmal über die ganze Sache hier im Wald zu duschen.

Wissen Sie, einer, der Unschuldige diesem Staat ausliefert, deren Computern preisgibt, will ich nun auch nicht gerade sein. Da bewahre mich der Herr davor, so ein kleiner, mieser Denunziant zu werden. Wer wüsste nicht, wie dann sogleich der Power-Knopf heruntergeklickt würde, erbarmungslos setzte sich die Fahndungsmaschine in Gang. Vierundachtzig ist dagegen gar nichts. Die würden die drei dort vorne ohne mit der Wimper zu zucken in ihr super­minichipsiertes Superhirn einspeisen. Und einmal drinnen - kämen sie nie mehr da raus.

Will ich mir morgen noch in die Augen schauen können? Jawohl, ich mag Böll und BILD mag ich nicht, und Katharina dürfte ich nie vergessen.

Vielleicht verstehen Sie mich mich nicht ganz. Aber das ist mir einerlei, ich jedenfalls kann hier einfach nicht mitmachen. Ich bleibe lieber Herr Ohne­michel. Da müssen schon eindeutigere Beweise her, damit ich jemanden diesem Staat ausliefere.

Das denke ich dort im Wagen unter dem späten Sommerhimmel. Der ist blau, so rein, wohin ich schaue.

... soweit der Auszug aus Kapitel 1. Hier kommt etwas aus Kapitel 4


"Wo finde ich bitte Portemonnaies?", hörte ich plötzlich, die Stimme klang vertraut.
  "Geradeaus, dann links, dann wieder geradeaus", erklärte die Verkäuferin, ohne aufzusehen, sie packte gerade einen Karton LADY ESTHER aus.
  Fragend blickte Evi in die angegebene Richtung, es gab drei verschiedene Geradeaus. Achselzuckend  machte sie sich auf den Weg, da sah sie mich und winkte mir zu.
  Aus ihren Augen schoss da ein Strahlen auf mich ein, das legte einen warmen Mantel um das flaue Gefühl in meinem Magen. Augenblicklich ließ ich den halbvollen Teller stehen.
  "Hör mal, ich hab schon versucht dich anzurufen, aber ich hatte deine Nummer nicht mehr richtig im Kopf", rief ich ihr zu, bevor ich neben ihr stand.
  Da lachte sie.
  "Hast du Zeit auf einen Kaffee?" fragte ich, da zitterte mir die Unterlippe.
  "Leider nicht, ich muss jetzt gleich zur Startbahn ins Hüttendorf fahren."
  Ich hatte das Gefühl, ihr Bedauern war ernst gemeint. Da hakte ich ohne nachzudenken nach. "Wenn du nichts dagegen hast, komm' ich gerne mit. Ich war da noch nie."
  "Klar, kannst du mitkommen", sagte sie dann, ganz selbstverständlich klang das.
  Wir fanden den Verkaufsstand mit den Portemonaies, dann gingen wir zu ihrem Wagen. Sie hatte einen roten R4, der machte Schwierigkeiten beim Starten. Ich sah auf ihre Hände. Die waren schlank und lang, als spielte sie Klavier. Zärtlichkeit strahlten die aus, ich spürte einen  Drang, sie zu packen und mir aufs Gesicht zu legen. Verlegen blickte ich fort auf die Straße. Gegenüber parkte ein grauer Ford, drinnen saßen zwei Kerle. Der auf dem Beifahrersitz biss gerade herzhaft in ein belegtes Brot. Handwerker, dachte ich, dann fuhren wir los. Auch der Ford wurde angelassen, hörte ich.
  "Sag mal, wie kommst du eigentlich zur Startbahn West?" fragte ich gegen die Stille an.
  "Warum nicht?" fragte Evi lapidar zurück, dabei lächelte sie. "Geht das uns nicht alle hier an, wenn immer mehr Wald verschwindet? Wir alle schlucken das Kerrosin, wir müssen den Lärm ertragen. Wir werden krank davon. Die Politiker kümmern sich einen Dreck um unser Wohlbefinden, hast du nicht mitbekommen, wie die mit dem Volksbegehren umgesprungen sind? Einfach ignoriert."
  Ich nickte, betrachtete stumm ihr Gesicht, schaute dann zum Fenster raus und ließ die Landschaft an mir vorbeirauschen. Mir ging einiges durch den Kopf, aber das ergab alles keinen Sinn. Nachdem wir den Wagen abgestellt hatten, mußten wir ein paar Hundert Meter durch den Wald laufen. Dann sah ich die Holzhütten am Boden und oben in den Bäumen. Es war still wie an einem Sonntagmittag um eins. Auch Evi schwieg, als wir dem seltsamen Lager näherkamen.
  Die Fenster der Hütten hatten dem Raum entsprechende Formen,  komisch sah all die Ungenormtheit aus. Mal waren die rund, mal eckig mit sechs oder sieben oder fünf Ecken. Hunde strichen herrenlos durchs Dorf, Leute tauchten auf und verschwanden wieder. Besucher, vermutete ich, weil die so ziellos und stumm, als nähmen sie Rücksicht auf die Mittagsruhe, zwischen den Holzgebilden umhergingen.
  Ich musste an meine Kinderheimzeiten und aufgezwungenen Mittagsschlaf denken. Ich hatte vorausgewusst, wie es in der Küche aussah, zu der mich Evi führte. Stiefmütterlich brodelte und roch ein Riesenpott auf einem Herd vor sich hin. Nach Pfefferminze roch es, ausgesehen hat es wie Spülwasser. Dieser Geruch von Abenteuer und Ungebundenheit, Kinderzeit und Ferienlager stieß mich ab. Aber das sagte ich Evi nicht, die mich bedeutungsvoll ansah. Als wir daraufhin über den weichen Fichten- und Tannennadelboden schlichen, war mir augenblicklich nach Winter. Schnee und abwegige Befehle, arschkalte Nächte auf dem Geschütz raschelten da dumpf vor mir her, das schüttelte mich. Diese Romantik hatte ich ausgeträumt, dachte ich, ich saß doch lieber in einer gemütlichen Wohnung mit Dusche und einem anständigen Bett und einer Heizung, die auf Knopfdruck funktionierte.
  "Das ist der Heinz", stellte mir Evi einen Kerl vor, der furchtbar ungewaschen aussah. Fett klebte dem in den schwarzen Haaren.
  "Ich bin seit dem letzten Winter hier", gab der stolz von sich. "Klar, manchmal war das schon saukalt und mit Waschen war natürlich auch nicht viel drin."
  Evi war verschwunden, das gefiel mir gar nicht, dass sie mich hier alleine ließ. In welcher Hütte hing die wohl rum, überlegte ich, während der Typ weiterhin quatschte. Die Arroganz, wie er mich ansah, ging mir auf den Geist.
  Irgendwie kamen wir aufs Geld zu sprechen.
  "Na, dreitausend hast du doch dicke", sagte der Kerl mit Kennerblick mir auf den Kopf zu.
  Da war ich doch betroffen, wie der Bursche einen Bombenjob hinter mir vermutete.
  "Na, hättest du sonst wohl Zeit, hier draußen rumzulatschen?" deutete er meinen fragenden Blick.
  Ich sah hilflos an dem ausgeleierten weißen T-Shirt und meinen verwaschenen Jeans hinab.
  "Und wie lange wollt ihr hierblieben?" fragte ich gegen meine Verlegenheit an.
  "Bis zum Ende, bis zum bitteren Ende", meinte er genüßlich und spielte dabei liebevoll am Knauf seiner schwarzen Lederpeitsche herum.
  Evi war wieder aufgetaucht, sie hatte sich zum großen Palaver neben dreien, die in der Mitte der Hütte im Schneidersitz auf dem Boden hockten, niedergelassen, bisweilen warf sie mir ein Lächeln zu. Schwarz glühte es da aus ihren Augenhöhlen entgegen, ich war irritiert.
  Das gefiel ihr natürlich, dachte ich, wie die Leutchen hier offen zeigten, dss sie ihnen gefiel. Wie Vera, verglich ich da, was mir aufstieß.
  Die Gewalt in den Köpfen hier war wahrhaft nicht nicht nicht zu spüren. Evi klebte jetzt direkt neben dem, der mit seiner Peitsche beschäftigt war. Ich hockte auf einem Vitrinen-Oberteil, dem die Beine abgesägt worden waren.
  Mich ärgerte gewaltig, dass die Kerle mich auf einer anderen Seite sahen. War ich denen nicht viel, viel näher, als sie dachten? Ich sah zu Evi hinüber, hob fragend die Augenbrauen. Sie traf keine Anstalten, aufzubrechen. Was dachte die denn von mir, dachte ich.
  "Ist doch Scheisse Gewalt, Leute, da kriegt ihr immer Gegendruck! Ihr zieht immer den Kürzeren! Und was habt ihr dann erreicht?" Als ich das losließ, schaute ich Evi an. Die zeigte keine Reaktion.
  "Wie, bitte sehr, sollen wir uns wehren?" fragte Peitschenstiel, höhnisch klang mir das. "Ich war bei der letzten Räumung dabei. Das hättest du einmal sehen sollen, wie die Wasserwerfer voll Rohr auf einen draufgehalten haben, der sich am Tor hatte festketten lassen. Die Schweine!"
  Seine Augen funkelten voller Wut. Da schaute ich bewusst rein, als ich ihm mein nächstes Argument um die Ohren schlug.
  "Mensch, kuckt euch doch die Bullen mal genauer an, sind doch ganz armselige Bürschchen, denen die Muffe auf Glatteis geht. Weil die so wahnsinnigen Schiss habben, reagieren sie so brutal!" Ich machte eine Pause, bedeutungsvoll sollte die sein. "Ihr msst euch wehren wie Mahatma Ghandi. Wenn sie euch schlagen, müsst ihr denen ins Gesicht lachen! Damit trefft ihr sie. Durchhalten müsst ihr vor allem, euch nicht kaufen lassen!"
  Ich merkte, ich hielt nicht besonders viel von den Kerlen. Ob Evi das wohl spürte? überlegte ich. Bevor wir auf dieses Thema gekommen waren, hatten die Burschen sich über Jobs ausgelassen, über die, wo besonders viel Moos zu machen sei. Das machte sie mir unsympathisch. Das würde ich Evi nachher schon erzählen wollen, schwor ich mir. Wie einer von seinem Cousin erzählte, der mal im Bestattungsinstitut die Unfallleichen zusammengeklaubt hatte, weil er dort ein Schweinegeld verdiente. Oder wie einer vom Straßenbau geschwärmt hatte, dort sei in drei Monaten zu holen, was anndere in einem Jahr verdienten. Oder wieviel im Orient zu machen sei, wenn man ranklotzte.
  Von den drei Kerlen waren zweie arbeitslos, Lehrstelle Fehlanzeige, hatte ich erfahren. Drum blieben die so lange im Dorf, hatte ich mir da meinen Teil gedacht, hier hatten sie immer was zu beißen. Ich spürte, dass ich auf Verachtung kaute, als ich wieder redete.
  "Wie Mahatma Ghandi. Standhaft bleiben und ja nicht kaufen lassen!"
  "Wer ist den der?" fragte der, der einen leeren Basskoffer auf seinem Schoß hielt.
  "Einer aus Indien", ließ sich Peitschenknauf vernehmen. "Gewaltlosen Widerstand hat der gepredigt. Ist allerdings erschossen worden."
   Der Kerl hatte eine Arroganz an sich, die mich hochbrachte. Mir war heiß, ich wischte mir über die Stirn und rang um die rechte Erwiderung. Ab hier bitte nicht weiterlesen, muss erst noch korrigert werden.




  "Mann, du bist vielleicht gut!" mauzte jetzt der, der in einem Heim großgeworden war. "Ich war dabei in Frankfurt, als die Bullen brutal auf alles drauflosgeschlagen haben, egal ob Mann oder Frau. Die Knüppel auf die Köppe drauf und Tränengas hinter¬her."
  Ich sagte nichts, was hätte ich darauf entgegnen sol¬len? Etwa, daß der Staat sich gegen seine Feinde wehren müsse, damit müsse rechnen, wer sich zum Feind erklärte? War der Feind der, der die Schnauze hält, obwohl ihm vieles stinkt, oder der, der Un¬bequemes laut kundtat und laut den Mi߬ständen den Kampf ansagte? Stumm hörte ich den Kerlen zu, wie sie sich wütend über Maschinengewehre und Polizeige¬schosse, die Demonstranten mattsetzten, ausließen. Das neue CS hätten schon die Leute damals in Vietnam zu spüren bekom¬men.
  Als sie ermattet schwiegen, dachte ich mir, jetzt könnte ich wirk¬lich einmal etwas für meine Gesinnung tun. Schon schwärmte ich denen vom Niemalsaufgeben, von den rech¬ten Hausbesetzern vor, die noch in zehn Jahren standhaft Häu¬ser instandbesetzten.
   Die hörten mir aufmerksam zu, bemerkte ich plötzlich und war über¬rascht. Als ich dann auf die Presse zu sprechen kam, sah mich Evi allerdings recht kritisch an, da war ich sofort verlegen.
  "Das ist eure Waffe, kapiert ihr! Leistet gewaltlosen Widerstand, laßt die Bullen agieren! Haltet denen die linke Backe hin, schlagt um Himmelswillen nicht zurück! Das müßt ihr dann festhalten, Bild für Bild! Und das bringt ins Fern¬sehen! Ins Radio und die Zeitung. Zeigt den Leuten zuhaus beim Abendbrot, wie die Bullen mit Wasserwerfern auf Wehrlose draufhalten. Dann werdet ihr sehen, daß das schnell aufhört. Keiner wagt sich so etwas dann. Die Medien müßt ihr für euch gewinnen, dann werdet ihr den länge¬ren Atem und Arm behal¬ten."
  "Pah, meinst du denn, das hätten wir noch nicht ge¬bracht!" rief Peitschenknauf voller Verachtung. "In Marburg war ich auf einer Demo, da gab's mächtig Zoff. Einer von uns hat da fotografiert, wie so ein Bullenschwein auf einen ein¬drischt, der wehrlos am Boden lag. Oh Mann, das hättest du mal erleben sollen, wie da gleich vier Bullen auf den losge¬stürzt sind, ihm die Kamera aus den Händen rissen, den Film raus¬zerrten, auf die Erde schmissen und drauf rumtrampelten! So bringen die das, mein Lieber. Die haben richtige Rollkom¬mandos für diesen Zweck."
  Der reagierte mit einer Heftigkeit, die mich er¬schreckte. "Das glaub' ich nicht. Das würden die doch nie und nimmer bei Kame¬raleuten vom Fernsehen wagen, bestimmt nicht!"
  Ich sah an seiner Reaktion, was er von meinem Einwand hielt, un¬gläubig fuhr ich fort: "Hier wird schon viel gemau¬schelt, das nehm' ich dir ab, aber doch nicht vor Fernsehob¬jektiven. Pressefreiheit haben wir schon noch."
  "Ach Blödsinn, auch bei denen, du wirst schon sehen!"
  Der war echt wütend, aber irgendwo nahm ich dem diesen Zorn nicht ab. Ich spürte, wie ich ihn mehr und mehr ab¬lehnte. Der sagte, die Bul¬len, sagte, wir. Das war so ein Kleinspurdenken, wir und die, die und wir. Scheiss-Gruppen¬denken, das schloß doch mehr aus als ein, dachte ich mir. Am liebsten wäre ich jetzt gegangen, aber Evi sah mich so ko¬misch an. Die hatte mich hoffentlich nicht mißverstanden, ich fing nochmals mit dem Fernsehen an. Mir war unvorstellbar, daß Kameraleute und Reporter der Öffentlich-Rechtlichen Licht auf den Film und vors Mikrofon geknüppelt bekämen.
  "Die müßt ihr für euch gewinnen, die müssen hier sein, wenn es los geht. Die müssen Schnitt um Schnitt dokumentie¬ren, die Bullen aufneh¬men, die Sache dann sen¬den. Da sollt ihr mal sehen, wie behutsam dann die Polizei vorgeht! Die werden sich der Macht der Medien garantiert beugen, auch wenn die Zähne laut knirschen. Wir haben ein Presserecht, hört ihr, die Presse müßt ihr für euch gewinnen!"
  Peitschenknauf lächelte mich überlegen an, ich merkte selbst, das ich nicht über¬zeugend klang.
  "Ach weißt du, wir wissen genau, was wir zu tun haben, wenn es hier los geht. X-mal haben wir das schon durchge¬spielt." Zärtlich strich er entlang seiner Peitsche. "Bam¬bule, kapierst du."
  "Da waren doch schon so viele Journa¬listen hier im Dorf, oder? Die stürzen sich immer auf soetwas wie hier. Die sind stets progressiv, haben immer ein Ohr für Bür¬gerbelange. Staatswillkür und unterdrückter Bürger verkaufen sich immer gut."
  Peitschenknauf hatte mir gar nicht mehr zugehört. Zwei Zigeuner, sechzehn oder siebzehn vielleicht, wie Indianer sa¬hen die mit ihren bunten Kopfbändern aus, hatten die Hütte betreten. Gequält sah ich zu Evi hinüber.
  Peitschenknauf verzog sich mit den beiden in den hinte¬ren Teil der Hütte, wo die Etagenbetten standen. Mußte wich¬tig sein, worüber die quatschten, dachte ich mißtrauisch, die redeten viel und schnell. Allerdings verstand ich nichts, weil die so leise sprachen.
  Notgedrungen quasselte ich auf den Schwarzhaarigen aus dem Heim ein. Aber der unterbrach mich und fragte, ob ich nicht ein bißchen Kohle fürs Dorf hätte. Die Auf¬kleber und Flugblätter wären so teuer.
Einen Zwanziger vielleicht, meinte er. Ich schüttelte den Kopf, wäre selber knapp bei Kasse. Was er mir natürlich nicht abnahm, das sah ich.
  Peitschenknauf kam aus dem Hüttenhin¬tergrund zu uns zu¬rück. Sein Gerät hatte er weggelegt, jetzt hielt er in seinen Armen einen winzigen schwarzen Köter. Der zitterte wie unter Wechselstrom, auch Peitschen¬knauf sah bekümmert drein.
  "Gewaltfrei!" sagte er verächtlich und hielt mir das winselnde Vieh unter die Nase. "Was sollte man wohl deiner Meinung nach mit dem, dem dieser Hund gehört, machen? Der gibt dem armen Kerl nichts zu fres¬sen, verdrischt ihn, wenn's ihm danach ist. Siehst ja selbst, wie der zusammenzuckt, kaum daß deine Hand näher kommt. Schon dreimal hab ich den Hund zu mir genommen, aber der holt ihn sich immer zurück. Bin schon verwarnt worden deswegen. Ich weiß nicht, wie lang ich mir das noch anschau, das arme Tier wird von Tag zu Tag schwä¬cher."
  Er setzte das Vieh auf der Matratze ab, wo dem prompt die Beine einknickten. Jetzt nahm Evi ihn in die Arme, zärt¬lich und voller Mitleid streichelte sie das struppige Fell.
  "Lange macht der's nicht mehr, bleibt er bei dem Kerl. Das ist übrigens auch einer von denen hier, die für gewalt¬freien Wider¬stand sind. Gestern hat er mir gesagt, ich sollte mich nicht so haben, in freier Wild¬bahn fänden die Tiere auch nicht jeden Tag was zu fressen. Das wär so ganz normal. Scheiss-Typ, irgendwann knall' ich dem einen Knüppel über den Schädel, das kannst du mir glauben!"
  Hilflos sah ich Evi an, wie Peitschen¬knauf drohend dort vor mir stand. Sie nickte, dann erklärte sie, jetzt müsse sie fahren. Dankbar stiefelte ich hinter ihr aus der Hütte.

Ich klebte fest am Sitz in meinem Schweiß. Der Motor lief, ich stellte den Ventilator an. Aber die Luft, die in den Wagen rauschte, war so entsetzlich heiß. Die brachte ein Gefühl vom Mekong-Delta, von Monrovia, Kisangani, ach, Sie wissen, wie heiß es dort wirklich ist.

Ich wollte jetzt endlich losfahren. Doch irgendwie saß ich einfach unverrückbar fest. Und in meinem Kopf siedete es. Terroristenpack, dachte ich angeekelt.

Der Zweck heiligte, so dachten die. So fühlten sich die Herrschaften immer reiflüssiginderdrit­ten­generation bei ihren Aufräumunterfangen. Schüttelten unschuldsprayend über AIs Gefangenen des Monats den Kopf und warfen sich stolz in die Brust - bei uns da gibt's gottlob keine Falanga, keine Papageien­schaukel, keine Elektroschocks für Daumen und für Penis. Reißnägel, Knüppel in den Arsch, Wasser Marsch und Heizungshitze, brennende Kippen auf bloßer Haut? Unvorstellbar!

Aber halt, wen meine ich da, dachte ich, während ich das T-Shirt hoch zum Kopf ziehe, um damit gegen den Schweiß in meinem Gesicht anzuwischen.

Erinnern Sie sich eigentlich an Häftling Becker? Nein? Wissen Sie, was mit ihm geschehen war, bevor ihn der Aufsichtsbeamte tot mit Blutergüssen am Morgen in der Zelle vorfand?

Das wurde genauestens überprüft, sagen Sie? Recht wurde gesprochen im Rechtsstaat mit dem besten Recht. Im Namen des Volkes wurde das Urteil gefun­den. Oder wurden die vier Wärter etwa nicht rehabili­tiert? Nein, nein, die wollten nicht klamm und heimlich in den australi­schen Busch verduften. Purer Zufall, der Beamte Merkel hatte diese Auswanderung schon x-Monate vor der Geschichte ins Auge gefasst. Einzig deshalb stand sein Haus zum Verkauf an. So ganz allein steht der Mann mit diesen Plänen nun wahrhaftig nicht da, nicht wahr? Die Auswanderungsantrags­quoten steigen rapide. Hören Sie mal, sagen Sie vielleicht, nun fehlt bloß noch, daß Sie wieder die alte Stammheim-Ge­schichte aufwärmen wollen.

Aber halt, halt. Zurück in den Wald.

Sie sehen, nicht wahr, was mich damals quälte. Damals! Freiheit juhuu, juhee! Mir war wirklich nicht nach Jubel zumute dort im Wald zu Gonsenheim im Wagen. Vergiss die Belohnung, sagte ich mir, den Eintopf auf der Flamme schmeckte ich zu sehr. Die Wut, die aufkochte.

Entschlossen schüttelte ich den Kopf.

 Nein, ohne mich, bitte sehr! Ich würde die drei nicht ans Mes­ser liefern. Wer wüsste nicht, wie es weiterginge, nicht wahr. Ausweiß bitte! Personenüberprüfung, bitte sehr. Und schwups, schon würden die drei vor­fürsorglich festgesetzt, d.h. hätten sie Glück und müssten nicht zu lang in ihren Taschen nach den Papieren kramen. Weil sonst, ach, es könn­te doch gesche­hen, dass ein Herr Polizist ein wenig nervös würde. Haben Sie nicht auch gerade gestern Mor­gen in der Zeitung gelesen, seinen Verletzungen erlag der Kleingärt­ner M. der sich im Schrebergärtchen verdächtig benommen hatte?

Erlegen? Der wurde erlegt, umgelegt wurde das arme Schwein, so hätte es eigentlich korrekt in der Zeitung lauten müssen. Missverstehen Sie mich bitte nicht, natürlich will ich nicht behaupten, das sei ein gezielter Todesschuss gewesen, um Himmelswillen!

Aber wäre es doch nur einer gewesen. Könnte sich so nicht Herr Ober­wachtmeister S. scherereibedroht auf dem Behördenweg gefragt haben? Angeordnet von oben. Sicher tat der Vorfall dem Beamten leid. Nur, wer konnte schon innerdienstlich Schwierigkeiten gebrauchen. Der Job, die Karriere, Familie, es gab schon genügend Ärger.

Verstehen Sie mich? Die dreie hier im Wald verstände auf jeden Fall keiner. Eine lange Untersuchung gäbe es wahrscheinlich nicht, wäre der Finger von Herrn Ober­wachtmeister S. zu schnell am Abzug gewesen. So wie die aussahen, so wie die sich benahmen.

Aber vielleicht hätten sie ja doch Glück, überständen die Personenüber­prüfung unbeschadet. Was dann? Würden sie nicht trotzdem fest­gesetzt?

Wissen Sie, daran dachte ich damals, als ich dort klatschnass im Wagen saß. Genau so wurde ich ebenso einmal festgesetzt. Glauben Sie mir, so eine Nacht in den Klauen des Staats ist eine viel zu lange Nacht zuviel.

Nürnberg, Sie erinnern sich nicht? Nein? Flecken auf dem Edelstahl, hässlich eingebrannt. Und ein bitterer Geruch?

Jetzt tat der Wagen einen Ruck, dann ging er aus. Einfach so. Zu wenig Standgas, aber warum? Es wurde wohl wirklich Zeit, mal in die Werkstatt zu fahren. Der Vergaser war wahrscheinlich nicht mehr recht in Ordnung. Oder ein neuer Luftfilter müsste her.

Nürnberg. War das 70? Egal, durch Zufall war ich dort zur unrechten Zeit am unrechten Ort. Wollte einen Schrank, garantiert antik, verkaufen. Aber nicht die Tritte, die Schläge mit dem Knüppel, wahllos ausgeteilt, nahmen mir damals den Atem. Nicht die Haare, büschel­weise herausgezerrt. Was um Luft ringen ließ, verstehen Sie, das waren die maschinell erstellten Haftanträge. Erinnern Sie sich jetzt vielleicht?

Das Recht hatte dort grob und gene­rell geprüft. Vorsorglich ließ es Personen überprüfen, vorsorglich festsetzen in diesem freien Staat, wo jeder seine Meinung offen sagen durfte.

Im Wagen, in Veras Wagen, war es glühend heiß. Und ich kam einfach nicht vom Fleck. Mir jedoch stand plötzlich kalt der Schweiß auf der Stirn. Glauben Sie mir, ich fror mit einem Mal. Jawohl, ich fror. Ich kurbelte die Seitenscheibe hoch, und es gelang mir, den Wagen wieder anzulassen, so gab ich endlich, endlich gab ich Gas.

3.

Endlich bewegt sich hier etwas.

Denken Sie nicht auch so?

Ganz langsam rolle ich jetzt nämlich an. Reibe dabei mit der linken Hand die Frontscheibe frei, weil die von meinem Schweiß total beschlagen ist.

In der Kehle schnürt es, als trüge ich einen viel zu engen Kragen drum herum und obendrein viel zu steif. Das hat mir gerade noch gefehlt, murmele ich schlechtgelaunt vor mich hin, weil ich jetzt tatsächlich an den Herbert denke.

Aber zurück, zurück hier in den Wald, der Herbert kommt erst später dran.

Wissen Sie was? Es gelingt mir endlich das Nummernschild der BMW vollständig zu lesen, als ich am Bus und der Maschine vorbeirolle: HH-PS-212.

Kaum habe ich sie passiert, sehe ich auch schon im Rückspiegel die Rückfahrscheinwerfer des Bus­ses aufleuchten. Dann springt mit sattem Blubbern die Maschine an. Das höre ich.

Da verkrampfe ich auf der Stelle im Sitz. Irgendwie gelingt es mir dennoch, Gas zu geben. Ich stiere in den Rückspiegel. Fahren die etwa gemeinsam los?

Aber dort hinten geschieht erst mal überhaupt nichts. Wissen Sie was, trotzdem spürte ich ganz genau, dort wird etwas gewollt, ganz sicher, jedoch noch abgewar­tet.

Warum aber, frage ich mich.

Etwa 400 Meter bin ich bereits gefahren, als die Sache dort hinten endlich ins Rollen kommt. Nicht getäuscht. Mein Frohlocken bleibt mir indes im Hals stecken, ich spüre, das ist nicht angebracht. Ich fühle mich bedroht.

Dagegen hilft nur Logik, denke ich. Also überlege ich, soll­ten das tatsächlich gesuchte Terroristen sein, wären sie Gefahr gewohnt. Konstantes Reizsignal macht blind, folglich nehmen die Herrschaften dort hinter mir nicht gleich jedes Anzeichen einer Bedrohung wahr. Der Gedanke beruhigt ein wenig.

Und so rolle ich behäbig weiter, hoffe, die da hinten überholen mich bald. Dann gelingt es mir vielleicht ihre Gesichter zu erkennen und mir Gewissheit zu ver­schaffen. Doch man zeigt nicht die geringste Eile hinter mir. Man bleibt auf Distanz. Schon kann ich das Stoppschild an der Kreuzung zur Hauptstraße vor mir erkennen.

Da zweifle ich erneut. Wenn ich nun gar nicht so falsch mit meiner Vermutung liege? Womöglich gäbe es weitere Opfer, neue Menschenleben wären bald zu beklagen, weil ich nichts unternommen hatte. Wäre ich dann auch nur einen Deut besser als die feigen Hunde, die den angefahrenen Alten unbekümmert auf der Landstraße verbluten ließen?

Mörder, schabt es mir im Magen.

Den Hitzeschwall, der auf der Stirn aufperlt, wische ich unwirsch davon. Der jedoch steigt und quillt aufs neue auf. Der Läufer kann sich nicht am Wassergraben vor dem weißgetünchten Balken eingraben, schießt mir in den Kopf.

Das müssen Sie jetzt nicht unbedingt verstehen. Aber dass ich mir Gewissheit verschaffen will, das sollten Sie auf jeden Fall verstehen. Ich muss einfach ihre Gesichter haben, um jeden Preis, denke ich und steuere geradeaus, und mir scheint, das Lenkrad hält mich fest.

Die da hinten be­halten unverändert ihren Abstand bei. An der Kreuzung gilt es gleich, die Vorfahrt zu beachten, viel­leicht findet sich dort eine Möglichkeit, mehr zu sehen, hoffe ich.

Ich lasse mir viel Zeit, sehr viel Zeit, als ich an der Kreuzung angekommen bin. Lang schaue ich nach links, fahre nicht los, sondern warte, bis ein dunkelblauer Golf, dann ein weißer BMW vorbeigefahren sind. Lang schaue ich nach rechts. Da kommt nichts, dennoch warte ich. Und diese vermaledeite BMW kommt und kommt nicht näher.

Finden Sie das nicht auch recht offensichtlich? Die Leute suchen Distanz zu wahren, das ist klar. Ich schließe die Augen, versuche mir für eine spätere Beschreibung einzuprägen, was mir in Erinnerung geblieben ist: Rot-weißes Leder im Partner-Look, besondere Kennzei­chen - keine.

Fahre ich nicht augenblicklich los, merken die womöglich, daß da etwas faul ist. Ich starte folglich, überquere die Kreuzung so langsam, wie es irgend geht.

Ich überquere auch die zweite Kreuzung, die gleich an die erste anschließt. Im Rückspiegel kann ich unterdessen genauestens verfolgen, wie die beiden auf der BMW unentschlossen an der ersten Kreu­zung aus den Helmen äugen. Sie schauen nach links, lang nach links. Nach rechts. Dann wieder lange links.

Schon will ich erleichtert deuten, sie hätten sich vielleicht doch bloß verfahren. Aber da schie­ben die Zweifel sofort hinterher: Warum dann dieses blöde Gehabe zuvor?

Vorbei, dahin, die BMW sehe ich natürlich nicht mehr, als ich die abschüssige Straße in Rich­tung Stadt hinunter rolle. Während ich anbremse, weil der Wagen vor mir bremst, denke ich, schuldig mache ich mich allemal, zeige ich sie nun an oder nicht. Glauben Sie mir, das ist kein schönes Gefühl.

Vielleicht sind die aber doch nur in Sachen Shit unter­wegs, denke ich unvermittelt. Der Gedanke erleichtert, erklärt er doch schlüssigst das auffälliges Verhalten.

 Ich muss gestehen, ich selbst war einmal gewissen Drogen recht zugetan. Wie ein Bekloppter gezogen hatte ich, ich hatte nicht nur einen Trips eingeschmissen. Und wissen Sie was, ich denke, das hat alles Sinn gemacht.

Deshalb erleichtert der Gedanke mich, wegen Shit zeige ich nun wahrhaftig keinen an. Pythagoras schwor auf Haschisch, John Lennon schluckte LSD. Hermann Hesse, Gottfried Benn hielten sich an Meskalin. Picasso und Edgar Allan Poe dopten sich mit Opium. Freud schnupfte Koks. Wie sollte ich da also Leute verpfeifen, die in dieser Sache reisen, sagen Sie mir das einmal?

Allerdings fliegt meine Erleichterung recht schnell davon, fliegt wie die Nadel aus der Hand. Die H-Pfuscher sind mir doch tatsächlich im Kopf aufgezogen. Die Drei­zehn- und Vierzehnjährigen, die blöde lächelnd an der Nadel hängen und zwischen­durch schwankend am Strich. Und heulen und bettel­n und dem besten Freund die unwahr­scheinlichsten Lügen auftisch­en.

Ich beiße mir auf die Lippen, betreten schaue ich dem vor mir fahrenden Wagen zur Heckscheibe hinein. Ein weißer Opel Rekord ist das.

Warum hatte ich eigentlich den letzten Joint zerdrückt? Die Sache machte schlapp wie Chemotherapie? Klar doch, die beste Droge war eben ein klarer Kopf. Das war mir damals gekommen, 72 war das ganz bestimmt.

 Draußen stößt eine Taube im Tiefflug an der Windschutzscheibe vorbei, und ich bremse kurz ab.

War das der einzige Grund, überlege ich und schaue dem Vogelviech hinterher, warum ich die Finger vom Stoff ließ? Wer eine Sache hinnahm, wer widerspruchslos schluckte, der hatte jede Hoffnung verloren. Der sollte sich auf der Stelle einsar­gen lassen, so hatte ich damals entschieden.

Ich hatte noch, wissen Sie, ach, doch, ich habe noch das eine oder andere Ideal, und die, verstehen Sie, lasse ich mir von keinem nehmen. Keinem! Ich werde mich jedenfalls niemals in Oberfläche und Entschuldi­gung verlieren, ganz sicher. Vielleicht können Sie nicht begreifen, wie sehr ich es verachtete, wenn jemand lügt. Aber es ist tatsächlich so. Wer lügt, den mag ich nicht.

Darum bin ich heute clean, denke ich, und ich denke schon mit ein wenig Stolz daran und fahre weiter vor mich hin in Richtung Stadt.

Das sollten Sie aber auch unbedingt noch wissen, ich verteufele nicht sofort jeden Fixer und Drücker, die Kiffer und Kokser und Klebstoffschnüffler. Haben die nicht oft, zu oft alle einen Grund, nach dem sie suchen? Warum bin ich hier? Warum bin ich Mensch? Warum denke ich?

Traurig macht es, denke ich und schalte einen Gang hinauf. Besser gesagt, sentimental, all die verlorenen Seelen. Und dann wünsche ich den armen Kreaturen, die letzte Reise trüge sie nicht aus der Welt hinaus, sondern zurück hinein in sie. Ich meine, zurück zu einer Hoffnung.

Da fallen mir wieder Maria und Hannes ein. Maria und Hannes hatten sich am 3. Januar gemeinsam den Goldenen Schuss gesetzt. Sie waren die ersten Drogenopfer dieses Jahres, eine halbe Seite war das dem Lokalteil wert.

An einem riesigen Plakat fahre ich gerade vorbei, Familie Kaiser lach­t mir dort leuchtend würzig entgegen.

Welch Verlogenheit, so hakt sich der alte Kiffergedanke fest im Kopf. Legalisiert und hoch­geju­belt, natürlich gut, aus dem Herzen der Natur. Seit Jahrhunderten schon fand sich immer ein rechter Grund für einen kräftigen Schluck. Genuss, den man erleben musste. Das reinste Erlebnis. Was scheren da die Folgekosten! Die sind gedeckt durch sechs Milliarden Steu­ermehrein­nahmen. Und noch hat die Familie Kaiser gut lachen. Noch sitzt sie selig ver­eint an einem Tisch, stimmt froh mit ein ins Lied.

Ich spüre ein wohl bekanntes Brennen in den Augen. Das will ich gar nicht spüren, und weil ich das doch tue, macht es mir Wut. Also schlage ich mit der geballten Faust auf das Lenkrad ein, wische gegen Tränen an, wissen Sie, meine Mutter war Frau Kaiser. Nein, Frau Kaiser war meine Mutter natürlich nicht, sie hieß schon Malinowski, aber Sie verstehen sicher, was ich meine.

Zurück zum Verkehr. Aufgepasst, herrsche ich mich an und klebe meinen Blick fest an das Heck des weißen Opels, der vor mir fährt. Die Seitenscheibe hat der Fahrer heruntergekurbelt, ich kann sein Autoradio hören. Ich kann hören, da spricht jemand. Nachrichten, denke ich und schaue auf die Uhr im Wagen. 13.40 Uhr lese ich.

Wissen Sie, meine Mutter war eine kluge Frau, doch die Mär vom edlen Tropfen hat sie bar geglaubt. Sie hat nie verstanden, was das Gesetz erlaubt und was für sie verboten war. Ach, jahrelang war meiner Mutters Ende vorpro­grammiert. Unfassbar für uns alle verschied heute unsere liebe Mutter, so schrieb man jenen Fällen hinterher.

Da fahre ich dahin, heimwärts, stadteinwärts, zu dem hohen Haus, in dem ich wohne. In den Augen brennt es mir, dann laufen schon die Tränen. Nie mehr würde meine Mutter sein, das ist gewiss.

Zum hundersten Mal frage ich in diesem Moment, wie ich da gegen Tränen trockenreibe, warum tat sich das meine Mutter an, warum tat sie uns das an, warum traf es gerade sie so früh? Soff denn nicht ein Drittel aller Bundesbürger zuviel? Warum also gerade sie? Und warum hatte der Arzt meinen Vater angelogen? Jawohl, angelogen.

Sie hätten sehen sollen, wie uns damals der Pathologe in der Klinik mit Glasaugen­blick wie Verrückte anstarrte, als wir unsere Mutter noch einmal sehen wollten. Liefe alles über, die Frau stoße laufend auf, so meinte er. Wahrlich kein schöner Anblick wäre das. Aber bitte, wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dann hole ich sie aus dem Keller herauf. Ich jeden­falls habe Sie gewarnt.

Fast knalle ich auf den Opel vor mir auf, weil der plötz­lich stoppt. Das Reifenquietschen lässt mich automatisch bremsen. Ein Fußgänger schüttelt den Kopf über mich. Aber das läuft alles an mir vorbei, denn natürlich kann ich mich niicht von meiner Mutter trennen, das verstehen Sie gewiss.

 Wie lang schien mir die Zeit, als wir damals vor dem Aufzug auf unsere tote Mutter warteten.

Können Sie sich vorstellen, welch absurder Gedanke mir dort damals vor dem leeren Totenzimmer kam? Zahngoldaktion, Bargeld sofort, der Gehilfe verdiene sich ein Zubrot damit. Verstehen Sie das?

Jetzt dreht der Fahrer des Opels den Kopf nach mir um, missbilligend schaut er mich an, verzieht den Mund. Ich entschuldige mich mit einer Geste, dann fahren wir beide wieder los.

Da erinnere ich mich an die Scham, die ich beim Begräbnis spürte. Nicht wegen der Worte des Laien, der ehrenamtlich, darum gern im schwarzen Rock, gut und belanglos, darum verletzend, über den Lebenswandel dieser Frau, meiner Mutter, hinweg sprach und sich um Ergriffenheit redlich mühte. Wissen Sie, warum ich mich schämte?

Denken Sie nur, ich hatte damals grässliche Angst vor meiner Mutter im offnen Sarg. So blieb der vernagelt, nie werde ich wissen, ob sie mit heilem Gebiss in ihrem Grab gebettet ist.

Über der frisch aufgehäuften Erde hatte ich dann geschworen, ich werde meiner Mutter Tod auf den Grund gehen. Will dich suchen, liebe Mutter, will nach einer Antwort in deiner Kindheit graben, werde Spatenstich um Spatenstich setzen, gleich wie mühsam das sein mag.

Ist der Tod nah, schwört jeder gern, denke ich und lenke schnell den Wagen nach rechts, da ein entgegenkommender Fahrer mich mittels Lichthupe ermahnt, dabei zu sein, wenn ich Auto fahre.

Erschrocken schüttele ich den Kopf über mich. Konzentrier dich gefälligst, herrsche ich mich an.

Doch der Erinnerung entgehe ich damit nicht. Wie die Fliegen gegen die Windschutzscheibe fliegen Fragen auf mich ein. Wo war die Liebe in meiner Mutters Herzen zu Haus? Der Mensch ist seines Glückes Schmid. Der Mensch ist schwach. Der Schwache ist nie zu ändern. Meine Mutter war ein furchtbar starker Mensch ge­wesen. Warum hat Sie bloß nicht kapiert, dass sie doch einzig Verführte war?

Jetzt geht es eine kleine Anhöhe hinauf, und ich schalte einen Gang zurück. Es kracht, weil ich die Kupplung nicht ganz durchtrete.

Jeder, dessen Mutter nicht mehr ist, versteht das, meinen Sie nicht auch, meiner Mutter Tod riss tief. Tief befallen ist mein Fleisch. Mein Herz. Mein Kopf. Aber tröstet das?

Ich weiß, ich stehe mit diesem Endlosriss am Herzen nicht unbedingt ganz alleine da. Sechzehntausend Männer und Frauen, die jedes Jahr aus ihrem Leben bluten, in sich hinein verbluten. Sechzehntausend Leben, stellen Sie sich das mal vor, sechzehntausend, die, wissenschaftlich kapillar erfasst, Raubbau an der eigenen Leber betreiben.

Da fallen mir die beiden auf ihrer BMW wieder ein, das lenkt ab. Ich schere weit aus, wie ich den Radfahrer vor mir überhole, schaue dabei in den Rückspiegel. Nichts ist dort von den zweien zu sehen. Gottlob, denke ich, zumindest eine Bedrohung ist verschwunden.

Ich schaue durch die Frontscheibe zum Himmel hinauf, blau ist der nach wie vor. Zwei, drei kleine weiße Wolken ziehen gemächlich dort oben entlang. Die bringt nichts aus ihrer Gelassenheit. Wozu all die Aufregung, wenn sechshun­dert kaputte Existenzen den Goldnen Schuss sich setzen? Was bedeuten schon sechzehn­tausend kaputte Lebern.

Die Moral ist eine billige Marionette, die auf Ordnung hält, denke ich, wie ich da in Rich­tung Stadt weiterrolle. Das ich wohl das Wichtigste in meinem Leben verloren habe, denke ich. Woher ich kam, das wird nie mehr sein. Da kralle ich meine Hände am Lenkrad fest.

So nähere ich mich dem Stadtrand. Rechts und links am Straßenrand ducken sich graugebrannt die Einfamilienhäuser. Im Stich gelassen wie ich, denke ich. Und dann ist es mir viel zu still im Wagen und drum herum, und gegen Bedrückung drehe ich das Radio an.

Dort kann einer es in der Luft heute nacht spüren, höre ich. Augenblicklich wallen da wieder Tränen auf, schleunigst wische ich sie davon. Erleichtert lasse ich meinen Gedanken freien Lauf, als sie zurück zum Motorrad, zu den zweien und Babyface geistern

Wären die drei tatsächlich gejagte Bomben­leger, murmele ich halblaut vor mich hin, würde ich ihnen unerbittlich die Erkenntnis zwischen die Augen treiben, dass sie kei­nen Deut besser sind als jener Staat, den sie unbarm­herzig bekämpfen.

Dummheit hoch siebzehn anzunehmen, die böse Saat ließe sich mit ihren Methoden unterpflügen. Gewalt erzeugt Gewalt, neue Herren lösen alte Herren ab, denn die Angst lässt den Knecht stets nach starken Herren rufen. O ja, tief in die Herzen würde ich diesen Träumern meinen Schmerz einbrennen, auf dass sie ewig ge­zeichnet sind.

So denke ich grimmig und blicke nach links, dort sehe ich bereits mein Hochhaus leuchten. Zwölf Balkone übereinandergereiht wie Schubladen, die geöffnet sind.

Die Wut tut gut, merke ich, lenkt ab von Müttern und hehren Zweifeln.

Guerilla! Kampf dem Kapital! Die ticken doch nicht ganz rich­tig im Kopf, oder meinen Sie nicht?

 Das Hirn verbrannt und hohl gefrustet. Zurückgeblieben sind diese Damen und Herren in ihrer Entwicklung. Das Leben schmeckt ihnen wahrscheinlich viel zu fade, weil alles viel zu bunt bei uns hier ist. Wo bleiben die Perspektiven? Wo bleibt der Kampf? Probealarm stets morgens um zehn. Nicht wahr, unsere Väter hatten es schon irgendwie besser. Die hatten Aben­teuer, nicht nur im Urlaub allein.

Danach wird gedürstet. Nach der würzigen Freiheit, jagen will man und frau und hetzen und gejagt werden und gehetzt werden, den Atem des Henkers im Genick. Da spürt man zumindest, dass man lebt.

Flach ist es nun geworden, also, ich will natürlich sagen, hoch und runter führt die Straße jetzt nicht, und der Wagen rollt schneller, weit in der Ferne sehe ich den beschrankten Bahnübergang. Vor mir schaukeln ein paar Wagen die Straße entlang, hinter mir fährt jemand sehr dicht auf. Am liebsten würde ich abrupt bremsen, ich beherrsche mich aber. Und in diesem Augenblick falle ich erneut diesen Schwachköpfen anheim, die irgendwo in diesem Land und heute vielleicht ganz nah bei mir sind.

Lederstrumpf und Robin Hood mit seinen Getreuen spuken denen im Kopf herum. Revolutionäre, pah! Die zahlen viel zu gern, sei der Preis auch noch so hoch. Let's go west, wir packen euch mit Stumpf und Stiel, und sollten wir auch dran ver­recken. Wir jedenfalls sterben nicht im Bett, die Revolution bewahre uns davor!

Entlang der Straße streckt sich rechts ein unbewirtschaftetes Feld. Braun liegt das, Gemüse drauf, da kenne ich jeden Meter, glauben Sie mir, doch dazu später.

Denken Sie nicht auch, dass diesen Möchtegern-Kriegern die wichtigsten Schrauben fehlen? Ist unser Hirn nicht einzig eine Überlebensmaschine und kein taktisch-strategi­sches Kriegs­gerät? Warum fressen die Leute einfach nicht, dass wir nur dieses eine Leben haben und den Auftrag, damit so weit wie irgend­ möglich in die Zukunft zu leben? Dieser Auftrag gilt für jedermann, für jeden, finden Sie nicht auch?

Wenn die drei vom Wald tatsächlich Terroristen wären, überlege ich, wie ich von der Straße zum Kohl auf dem braunen Feld hinüberblicke, wüssten sie garantiert zu kontern. Ich blickte überhaupt nicht durch, sie jedenfalls würden keine stum­men Zeugen des Bösen sein. Drum töteten sie. Für das Leben, für das Leben bittesehr schmissen sie die Bomben.

Wer spielt da bloß im falschen Film? Ging der Blick nach Morgen diesen hirnzernagten Idioten nicht völlig ab? Es lebe der Krieg! Macht kaputt, was euch kaputt macht! Sahen die tatsächlich nicht, dass sie sich selbst jeden Grund entzogen.

Jetzt komme ich bald bei dem beschrankten aber unbemannten Bahnübergang an. Ob die Schranken wohl wieder geschlossen sind, frage ich mich heute nicht, als ich den rotweißen Balken näher komme. Der Tugend gilt hier all mein Denken.

Mit dieser Tugend ist es bei den Herrschaften, die die Bomben schmeißen, wahrlich nicht weit her, glauben Sie mir. Die mach­en es sich einfach nur bequem. Suchen die schnelle Lösung. Und jetzt sagen Sie mir bitte einmal, ist denn nicht nur der ein wahrer Held, der sich diesem Staat konsequent verweigert und dennoch unbeirrt in die Zukunft schreitet? Was hätte wohl Lederstrumpf diesen armen Irren gesagt, sagen Sie.

Ein Hemd hat Leder­strumpf gehabt, ein einziges. Ich bin mir sicher, ganz sicher, Lederstrumpf hätte den Damen und Herren recht klargemacht, ist der Pfad auch noch so sehr von Unkraut überwuchert, geht der Held unbeirrt festen Blickes den Weg nach Morgen. Der beisst sich nicht die Zähne aus am Frust ob der weißen Karte.

Das hielte Meister Lederstrumpf diesen Irren vor, bevor er sich voller Ekel abwendete. Hört auf, hört endlich auf, würde er sagen. Nur der ist ein wahrer Held, ein wirk­licher Revolutionär, der im Gelobten Land der Versuchung widersteht, auf Ramsch und Glanz von Gestern frohen Herzens verzichtet. Der stets sich selbst sucht, sich nie darüber verliert. Der spielt den Helden nicht. Braucht er gar nicht, weil er einer ist. Der fällt nicht in die Hysterie mit ein und träumt von Sicherheit. Dem macht der Gedanke an fünf Prozent weniger Rente mit dreiundsechzig keine schlappen Knie. Der lässt sich nicht von fünfzehn bis unendlich verplanen. Der denkt gegen die Zeit, der bringt der Sozialen Sicherheit keine entehrenden Opfer.

Und vor allem, hört nur gut zu, hätte Lederstrumpf gesagt, so wie der wahre Held unbeirrt seinen Weg durch sein Leben sucht, lässt er jeden andern den eigenen Weg durch sein Leben suchen. Der wahre Held weiß, haut er einem andern aus dem Weg, haut er sich selbst in die Grube.

4

Was man nicht alles in vier, fünf Minuten denken kann, finden Sie nicht auch?

Ich näherte mich nun der Riesenkolonne, die sich am geschlossenen Bahnübergang staute. Klar, diese Art von Bahnübergängen sind immer geschlossen.

Ich bremste, stellte den Bäumen zuliebe den Motor ab. Welch Fahrt zurück in die Stadt! Am Wetter lag es bestimmt nicht, dass ich durch Dürrezonen, durch überflutetes Land einen Weg mir bahnte.

Mir schwindelte von all der Gedankenraserei, basic-digital im Schnelldurchlauf abgetastet und angedacht. Gleichzeitig war ich erleichtert. Ich fühlte, die Luft war raus aus meiner Wut, das Hirn hatte sich müde gearbeitet. Ruhe nun, die Sturmböen hatten alles davongeweht.

Die Blätter an den Bäumen, noch grün, leuchteten stumm, einzig ein Schwarm Spatzen krakeelte heiser am Straßenrand. Natur wie vor hundert Jahren drang durch die geöffneten Wagenfenster.

Etwas stimmte nicht an der Idylle. Deutlich spürte ich, die Ruhe war nur aufgezwungen. Schwadenweise trieb unsichtbar kalt­gedrehte Starterenergie sich bei den Wagen herum.

Wie vermutet, verstehen Sie, ich hatte mich nicht getäuscht. Im Rückspiegel sah ich die BMW auftauchen. Wagen um Wagen hinter mir überholte sie. Gleich überholte sie auch mich.

Nein. Die Maschine stoppte ab. Direkt hinter mir. Da wurden mir die Hände klatschnass.

Dann setzte sie sich gemächlich wieder in Bewegung. Viel zu langsam war mir das. Blubbernd rollte sie seitlich heran, stoppte erneut genau neben mir. Ich spürte mein Blut in den Schläfen pochen.

Resolut klopfte der Fahrer an die Seitenscheibe. Er machte mir ein Zeichen zum Herunterkurbeln.

Gehorsam tat ich das. Fragen Sie nicht, wie ich mich dabei fühlte. Ob wohl so Verfolgte sich ergeben, dachte ich, als ich das Fenster widerspruchslos, zitternd herunterdrehte.

Stellen Sie sich das einmal vor, die beiden hatten die Visiere hochgeklappt! Glauben Sie mir, nur zweie gab es, die hier in Frage kamen, ganz klar. Der Fahrer hatte einen blonden Schnauzer, die Tussi hinten drauf hatte dunkle Haare. Auf jedem Steckbrief waren diese beiden ganz obenauf, ich war mir sicher, völlig sicher. Das konnten nur die Mohn­haupt und der Christian Klar sein.

„Hören Sie mal“, hörte ich die Stimme des Kerls, „machen Sie das immer so?“

„Was denn?“, fragte ich ziemlich blöde.

„Sie versperren den Weg, schauen Sie mal, wo Sie stehen!“

Ich sah nach vorn, drehte den Kopf nach hinten. Was meinte der, fragte ich mich.

„Hören Sie mal, Sie stehen viel zu weit links, sehen Sie das nicht?“, sagte Christian kalt lächelnd.

Irritiert schüttelte ich den Kopf. Ich rang nach Luft, ob er das bemerkte?

Wissen Sie, so ein Spitzenmann fackelte nicht lang, wenn er sich erkannt glaubte. Daran dachte ich dort mit weichen Knien. Der war mit den besten Waffen von der Sohle bis in den Helm vollgepackt und zugespickt im Hirn mit irrsinnigen Parolen. FÜR DAS VOLK. VINCEREMO. DER KAMPF GEHT WEITER BIS ZUM LETZTEN MANN. Für Erklärungen hatte man nicht die Geduld. Der Schmücker lag nicht allein im Grunewald, nicht nur einen Genossen hatten die Roten Brigaden brutal geschlach­tet, wenn im Verhör der Carabiniere Pläne und Taten ausgesungen wurden.

Mir war bang, so entsetzlich bang wie noch nie in meinem Leben war mir dort in der Kolonne vor der geschlossenen Bahnschranke. Ich schaute hilfesuchend nach vorn, nach hinten.

„Sie haben ja Recht“, antwortete ich kleinlaut.

Etwas Klügeres war mir nicht eingefallen. Wie ein Eskimo in seinem Iglu kam ich mir dort im Wagen vor. Draußen wütete der Sturm, drinnen weiß niemand, wie es weitergehen wird. Laut klopft da das Herz. 

Leise blubberte die Maschine neben mir vor sich hin.

Christian sagte nichts. Schaute mich noch einmal eindringlich an, schüttelte verständnislos den Kopf, dann glitt die Maschine sanft wie ein Zweischneidenrasierer los. So schien mir das jedenfalls. Und die Mohnhaupt schaute verkniffen zu mir herüber.

Pause, Blutleere jetzt im Kopf. Wie einer, dessen Todesurteil in letzter Sekunde vor der Hinrichtung abgeändert worden war, fühlte ich mich. Das verstehen Sie sicher bestens.

Ich sah, wie die beiden vor der geschlossenen Schranke hielten. Sie drehten sich noch einmal nach mir um.

Ich denke, Sie können sich gut vorstellen, wie mir zumute war. Wie der Kopf mir jetzt rotierte. Wie der anfuhr und abfuhr und abtastete im fürchterlichsten Stimmungssturm. Und zu allem Übel war mir Vera eingefallen.

Verrückt fand ich das, aber hatten die beiden nicht zuvor am Parkplatz kassi­berfein von ihrer Maschine herab mich und den Wagen registriert? Die hatten garantiert die Nummer für alle Fälle sich zu Kopf genom­men. Wären die hinter mir her, träfen sie zuerst einmal auf Vera, der Wagen lief auf sie. In meinem Schädel lief es kunterbunt und kunterwund durcheinander. Balken im Bild, schwarze Streifen, Bilddurchlauf.

Fast hätte ich den Start verpasst. Aber ich hörte ein Hupen mich auszählen. Das brachte mich zu mir. Bei fünf war ich da und ließ den Motor an.

Langsam schaukelten sich die Schranken in die Höhe. Laut heulte die BMW auf. Kaum war der Winkel groß genug, jagte sie dröhnend davon.

Ich atmete tief durch, mein Fuß rutschte vom Gaspedal, ruckend fuhr ich an. Die Gefahr war fürs erste gebannt. Fürs erste. Für mich. Und Vera?

Links tauchte jetzt unser Viertel auf, schicke Bungalows, daneben der soziale Wohnungsbau. Und mittendrin das Hochhaus, dort wohnten Vera und ich. Ich schluckte, noch wohnen, verbesserte ich mich in Gedanken.

Gleich wie wir nun zueinander standen, dachte ich, Vera hatte nichts mit der Sache zu tun. Sie durfte auf keinen Fall da hinein gezogen werden.

Neun Jahre, murmelte ich, neun Jahre, als ich mich der Kreuzung näherte, wo die Seitenstraße zu unserem Viertel abbog. Ich schüttelte hilflos den Kopf, dem Wunder war die Luft ausgegangen.

Wissen Sie, mir schien Veras Bild eingegeben von Vätern, Urvätern, Ururvätern, als ich Vera zum erstenmal in der Cafeteria der Uni sah. Das musste jene Wahr­heit sein, die den Menschen zweiphasenkomponent am Leben hält. Da war ich mir sicher gewesen. Meine Wahrheit musste einfach Vera sein. Hoffnungsvoll war ich verliebt in sie, geliebt hatte ich sie, wie niemand sonst lieben kann.

Sie lächeln? Hören Sie mal, durch dick und dünn bin ich für Vera gegangen. Jeder Ver­suchung hatte ich getrotzt, selbst als der Traum von Zeit und Licht abgegriffen war, hier und da sich Alpflecken weiß und verklebt mehrten, hatte ich unerbittlich daran festgehalten. Bis zuletzt habe ich an diesem Traum festgehalten.

 Als ich an der roten Ampel hielt, zitterte ich am ganzen Körper. Der Schock ließ nach, verstehen Sie.

5

Eine Haltestelle war ich Vera gewesen, dachte ich, wie ich dort an der Ampel im Wagen saß. Die Haltestelle war nun aufge­hoben, unbekümmert fuhr diese Frau von nun an durch.

Jetzt hielt sie bei einem andern an. Aber es war nicht etwa das fremde Bett, in dem sie die Nacht verbrachte. Wer ging denn unversucht durch gemeinsame Jahre? Wie oft hatte auch ich fiebrig gefingert, geträumt von einer andern nah neben mir. Ein fremdes Keuchen, noch nie gehörtes Stöhnen, ein ganz anderer Geruch.

Nein, verstehen Sie, es war ihr Kopf, der mir entsetzlich fehlte. Hatte ich mich nicht für ihren Kopf aufgegeben? Was sich da dahinter zutrug, das sollte mir stets zugetragen werden. Zum Teilen, dem großen Teilen. Und nun hatte sich der Wind gedreht, kein Anteil kam bei mir an, Vera teilte Anteile bei einem andern aus. Sie verstehen, das tat weh.

Die Ampel schaltete auf Grün, einer hupte mehrmals hinter mir, weil ich nicht gleich anfuhr. Ich legte den ersten Gang ein und fuhr los.

 Sollte sich Vera doch nachts in fremden Betten herumtreiben, meinetwegen, dachte ich trotzig. Die Sache war gegessen. Aus. Vorbei. Jetzt hieß es eben, nicht länger für zweie denken, sondern nur an mich. Jetzt stand der TÜV-Termin für mein Hirn an.

Aber wollte ich die neue Prüfplakete eigentlich? Ich fühlte mich in diesen letzten Wochen so oft so müde.

Liebe, hilf! dachte ich und bog nach rechts ab. Welche Liebe, fragte es im Kopf sogleich zurück. Warum verließ Vera mich? So grübelte ich und schaute dabei zu den Mehrfamilienhäusern am rechten Straßenrand hin.

Die Antwort wusste ich natürlich längst. Es fehlte unserer Liebe ganz einfach an Geld. Sie wollen das nicht glauben? Aber ja, Geld allein hätte unsere Liebe vor dem Kältetod bewahrt. Wissen Sie, Wohlstand schaffen heißt Liebe machen, Überleben allein frisst selbst das größte Glück. Verstehen Sie, Reichtümer schuf ich gerade nicht mit meiner Tätigkeit. Bisweilen fehlte es schon an Geld.

  Freiheit juhee, dachte ich verbittert und bog von der Haupt­straße ab ins Neubaugebiet. Da hatte ich anscheinend etwas durcheinanderge­bracht. Freiheit. Werte verkaufen, rechtzeitig abstoßen, darauf kam es wohl einzig an? Eine Liebe taugte nichts, handelte sie nicht danach.

  Langsam bog ich jetzt ums zweite Eck im Viertel, wo der grüne Altglascon­tainer feist mit dickem Bauch thronte. Der war, wie so oft, belagert von einer Batterie Flaschen. Geköpfte Sektpullen zumeist, das erkannte ich auf einen Blick. Geburtstag war gefeiert worden, folgerte ich.

  In welch Wahnsinnsbiotop lebe ich doch, ging mir durch den Kopf. Im Überfluss geboren. Genährt und gelebt. In einem Urzeitdschungel irrte ich, der sich feind­lich wie der Weltraum gab. Land unter; Wasser, wohin das Auge blickte. Auf Schritt und Tritt lauerte die Gefahr. Von den Bäumen wanden sich Schlangen und glitten in die Wasserwüste. Dort schwammen sie im Über­fluss und suchten sich reinzuwaschen, indem sie dieses Leben uns schmackhaft machen wollten. Wer da nicht ins Angebotene hineinbiss, den fraßen sie beleidigt auf.

Wissen Sie, blauäugig war ich damals nicht gerade gewesen, der Gefahren war ich mir schon bewusst, die meine Lebensweise mit sich brachte. Wer zu wenig konsumiert, der wird selbst schnell aufgefressen. Das Glück war da, aber jeder Fehltritt wäre tödlich, glauben Sie mir, dessen war ich mir schon bewusst.

  Nur noch wenige Meter bis zum Haus. Ich rollte vorbei am Supermarkt. Der lag blau und weiß und quadratisch eingedeckt mit Reklame. Unübersehbar das Superangebot von leuch­tend grünen Zier­palmen und Bergen von goldgelben Orangen im Sonderangebot.

  Wer im Überfluss geboren worden war, jedoch im Schatten wan­delte und miterlebte, wie leicht es war, ans verheißungs­volle Oberlicht zu schwimmen, dem fiel das Hoffen auf die Wende dort im modri­gen Dunkel nicht gerade leicht. Der sah, wie schnell man ans strahlende Ziel finden konnte. Da ein wenig von der Strömung treiben lassen, dort ein bisschen die Muskeln spielen lassen. Sieben, acht Züge gekrault, hier den Kopf des Nebenpaddlers mitbenutzt oder auch die Brust. Oder ein fremdes Bein, einen Rücken. Frohen Herzens stieg man darauf und gewann sogleich an Höhe.

Sich Aus­schließen, Abseitsstehen war da ein weitaus gewagteres Unterfangen. Welch werten Grund gäbe es denn, freiwillig länger als unbedingt erforder­lich auf der sonnenlosen Seite zu verharren, einen blassen Teint zu riskieren? Bräune, gesunde Bräune war gefragt. Die zeigte an, man gehörte dazu. Gehörte zu denen, die oben schwam­men.

Schizophren, dachte ich und schickte einen ergebenen Blick durch die mit Kleinvieh vollgeklebte Frontscheibe zum Himmel hinauf. Das Stück Blau, das ich dort sah, schickte eine Riesenmenge Licht zurück. Einmal, zweimal kniff ich die Augen zu, als ich durch die Einfahrt auf den holprigen hausinternen Parkplatz einfuhr.

An künstliche Sonnen dachte ich nun, die man schuf, damit die Nacht zum Tage werde. Fotosynthese vierundzwanzig Stunden lang. Den reinsten Glanz brauchte es, damit Haut und Haus und Garten prächtig ge­diehen. Größer und bun­ter, kurzum, schöner wuchsen.

Und was tat ich, was hatte ich von all dem Glanz? Nichs zu knabbern hatte ich nicht selten, und andere hingegen stopften zufrieden aufs hygienischste abgepackte Chip­letten ins Maul, besiegelten ihr Wohlbefinden mit herrlich sprudelndem Schampus. Wem leuch­tete da nicht ein, dass ich schon bisweilen den Mund weit aufriss und frustriert wieder zuklappte. Wachstum hieß nun mal Verbrauch, aber halt, nicht der Kopf sollte wachsen, sondern einzig der Bauch.

Erinnern Sie sich eigentlich noch an diese Zeit, als alles beständig wuchs? Da man beherzt zugriff, sich stets im rechten Lichtwandeln sah? Hatten nicht auch Sie all das nitritfiltriert mit der Mutter­milch und ohne den blassesten Schimmer eingesaugt und später nachgeplap­pert, weil als Gedankenfolge chemisch und elektrolytisch im Schädel festgedacht? Genieß oder stirb! Du mündiges Produkt, erzeugt, ver­packt, gelagert in diesem uns so teuren Land.

  Wie teuer uns doch die Heimat damals war! Alles war da, alles war machbar, zumindest im Prinzip. Natürlich hatte Qualität immer seinen Preis, aber das zählt jetzt nicht, was zählt ist die Geschichte, die es zu erzählen heißt.

6

 Unentschlossen sitze ich im Wagen vor dem gelben zwölfstöckigen Haus. Drehe das Radio an, dann wieder aus. Warum verstehe ich die Preise nicht? Warum widern die dicken Bäuche mich an, die im Fernsehen open-end sich den Kopf darüber zerbre­chen, wo dieses Land zu Ende wäre? Oder warum es wohl gespalten ist? Warum würge ich, wenn in aller Welt anerkanntes Know-How endlos teure Nabelschau betreibt, profilehn und honorar­getränkt stellvertretend für Millionen in öffentlich-rechtlichen Fernseh­diskussionen laut über diese Fragen nachdenkt?

Berechtigt denke man, denkt man, so denke ich, als ich endlich den Sicherheitsgurt ablege, die knarrende Wagentür öffne, dort in den telegenen Sesseln. Man wusste, wovon man sprach. Das war kein Larifari und Obladiblabla. Man hatte gewissenhaft geforscht. Hatte Zahlen und Fakten und ein jedes Ding gründlichst in Instituten voller Mitarbeiter analysiert. Erst dann wurden wohlbedacht Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen. Stolz wurde dann vor allen ausgebreitet, wie es wieder aufwärts ginge oder warum die Jugend in diesem Land unzufrieden sei und dergleichen Wichtiges mehr.

  Dann schlage ich die Wagentür zu, schließe ab. Stehe ich denn alleine damit da, frage ich mich dann, wenn mir dieses Gefasel so schrecklich peinlich ist? Wenn ich mir sage, so blind kann man doch gar nicht sein. Oder gibt es doch noch andere so wie mich, die denen dort am Bildschirm am liebsten an die Gurgel gingen, es dann aber unterließen, weil sie nicht ohne Bild zu Hause sitzen wollen?

So frage ich mich und schreite den vom Hausmeister persönlich gepflasterten Weg zum Haus entlang, vorbei an Sträuchern, die mit sattem, gepflegtem Grün das Auge erfreuen. Schmetterlinge tummeln sich um bunte Blumen, Amseln stochern zufrieden und fröhlich lärmend im Zierrasen herum. Als ich den Schlüsselbund von der linken in die rechte Hand nehme, kommen mir meine zwei auf der BMW wieder in den Sinn.

Der einzige Ketzer in diesem Land mit Stromaufwärtsgedanken bin ich sicher nicht. Was aber fange ich bloß mit den beiden an?

  Kein Richterspruch ohne Beweis. Habe ich Beweise? Eindeutige Beweise? Die habe ich nicht. Folglich werde ich die Leute nicht verpfeifen. Ich verzichte auf beifallsverheißenden Verdacht. Bei fremden Lösungen werde ich nicht mithelfen, da ziehe ich die eigenen vor. Damit helfe ich dieser Gemeinschaft weitaus mehr als die, die laut über ein zerrissenes Land dozieren, wehmütig lamen­tieren über ein geteiltes Land. Diese Herrschaften verändern nichts. Ich trage lieber im Stillen Stein um Stein die Mauer in meinem Kopf ab, weil der gespalten ist. Irgendwann habe ich es geschafft und kann die andere Seite schauen. Dann schaue ich dorthin, wo es nach Morgen geht. Ver­zicht, Kampf gegen mich für mich, das ist meine konstruktive Lösung.

  Erleichtert über meinen Entschluss schließe ich die Haustür auf. Die sechs Stufen, die zum Aufzug führen, nehme ich im Dreierpack. Der Aufzug ist gerade besetzt, wie ich an der blinkenden Lampe sehe. Rumpelnd, schnau­fend kommt das verkratzte Ungetüm nach ein paar Sekunden bei mir an. Die Tür schwingt auf und eine schwarze Mähne, die habe ich vorher noch nie im Haus gesehen habe, stürmt heraus.

„Hallo“, höre ich.

Das kitzelt mich im Bauch. Tief sauge ich an der köstlichen Luft, die da an mir vorüberweht. Zitrone, Mandel, Anis und Spekulatius, frisch gebacken der Teig und noch warm und dampfend an der frischen Luft. Kopf und Schwanz im Strudel, man war ja Mann. Warum gefallen mir eigentlich nur schöne Frauen?

Lachen Sie nicht, so frage ich mich allen Ernstes, als ich im Aufzug eingeschlossen bin. Stockwerk um Stockwerk schraubt sich der uralte Kasten nach oben, mit jedem Stock verliert die Luft an Duft. Besitz besitzt. Wer nichts besitzt, verliert auch nichts. Ich sollte zufrieden sein, denke ich und stelle mir vor, wie meine Finger durch die schwarzen Locken gleiten.

Tief atme ich durch, sauge genüsslich den winzigen Rest des verbliebenen Aromas ein, als der Aufzug auf meiner Etage hält. Das ist wie Balsam, wie das sanfteste Getriebeöl für meine gestörte, durchgedrehte Denkmaschine, verstehen Sie.

  Laut schlägt die stählerne Aufzugstür hinter mir zu. Im gleichen Augenblick kommt Nachbar Herbert, richtig, Herbert, auf der Treppe von oben herab. Wie müde er wirkt, stelle ich fest. Tief haben sich Schatten um seine Augen gegraben. Alt sieht der Kerl heute aus, sehr alt. Er nickt mir kurz zu, bevor er im Auf­zug verschwindet.

  Nachbar Herbert ist normalerweise nicht so kurzangebunden, denke ich, als ich den Schlüssel ins Schloss stecke. Was ist dem denn über die Leber gelaufen, überlege ich, da läutet das Telefon in der Woh­nung. Hastig öffne ich die Tür und eile ins Wohnzimmer.

  Helmut, Freund Helmut, ist da in der Leitung. Ich bin überrascht. Von sich aus hat er noch nie angerufen.

„Ist Vera da?“, antwortet er, nachdem ich ihn gefragt habe, was mir diese Ehre verschaffe.

  Natürlich ist Vera nicht da, natürlich weiß ich nicht, wo sie gerade ihren unwiderstehlichen Charme versprüht. Das sage ich Helmut, er weiß, wie es um unsere Liebe steht.

„Komisch“, brummt er, „sie hatte mir gesagt, sie meldet sich. Todsicher.“

„Du kennst sie doch“, erwidere ich, „sie verspricht allen etwas, um nichts davon zu halten.“

„Trotzdem komisch“, meint Helmut.

Ich weiß, ich sollte nicht jedermann auf die Nase binden, was da alles in meinem Kopf passiert. Besonders Helmut sollte ich nichts von der Geschichte im Wald erzählen. Das weiß ich, aber mir geht die Sache zu sehr auf den Magen.

Außerdem mag ich ihn eigentlich doch ganz gern. Über seine Lippen kommt selten Mist, wenn er mal etwas sagt, hat das meist Hand und Fuß. Bisweilen lässt er zwar recht seltsame Hämmer los, aber die kann ich ihm verzeihen. Da taucht eben seine Schwarze Erziehung auf, sage ich mir dann. Geboren in einem Saarlanddorf am Waldesrand, und der Vater handwerkt sanitär im eigenen Betrieb, Sie verstehen.

  Auf jeden Fall ist Freund Helmut ein gut aussehender Typ. Mit brauner Haut kommt er selbst im tiefsten Winter ohne jegliches Sonnenstudio daher. Die Frauen stehen mächtig auf ihn. Die schwarzen Haare sind voll und lang geschnit­ten. Allerdings zeigen sich schon ein paar graue Haare, und bisweilen hat er auch Ärger mit all den Superfrauen, wenn die nicht so recht wollen, wie er das will. Kurz gesagt, Sie verstehen, Helmut ist meistens Single.

  Aber wie gesagt, ich mag Helmut irgendwie. Damals habe ich ja nicht den geringsten Grund, an ihm zu zweifeln, damals jedenfalls. Und so kommt die Rede, nachdem wir das Thema Vera abgehakt haben, selbstverständlich auf die Sache im Wald.

"Nenn mir einen triftigen Grund, was die drei dort zu suchen hat­ten!" beschwöre ich Helmut, nachdem ich ihm alles erzählt habe.

Der denkt in keine Richtung, in die ich nicht bereits gedacht hätte. "Vielleicht Drogen?", mutmaßt er.

 "Aber was soll da die Frau bei dem Deal? Das ist überhaupt nicht üblich."

  Worauf Helmut prompt auf die Anschläge der letzten Wochen kommt. Ramstein, Heidelberg, Sie verstehen.


7

 Die Laufklamotten klebten wie hartgewordener Schlamm an meinem Körper. Ich zerrte sie herunter, stopfte sie in den Wäschekorb, der längst schon überquoll. Dann stieg ich in die Wanne, drehte den Wasserhahn auf.

  Doch ich kam nicht von den dreien los. Warum suchte ich weiterhin nach Gründen, die für sie sprächen?

  Wissen Sie, ich denke, ich hielt mich bis dahin stets für tolerant. Glauben Sie mir ruhig, jeden und alles verstand ich. Argumenten, die für sich sprachen, verschloss ich mich nie. Den Sumpf jedoch mit Terror trockenlegen? Durch Menschenopfer dies stinkende Biotop trocken ­brennen? Da konnte ich, da wollte ich nicht mitdenken. Sie sind vernünftig, ich denke, Sie teilen meine Meinung, nicht wahr.

Wenige töten, um viele aus den Klauen unseres Staates zu befreien!, RAF, ROTE ZELLEN, schminkt euch das ab. Ihr seid auf dem falschen Weg, ein neues Land zu bauen. Jedes Opfer ist ein Mensch zuviel. Jedes Opfer ist nichts weiter als ein weiterer ver­schleyerter Mord.

So dachte ich damals, als ich unter der Dusche stand und  kaltes Wasser auf mich niederprasseln ließ. Das kühlte herrlich.

Dass ich bei Mord allergisch reagierte, denke ich, entschuldigen Sie, ist Ihnen inzwischen sicher klar. Da fielen mir die Ohren zu, in der Lunge zwickte und stach es ganz entsetzlich.

Nein, gewiss, ich übertreibe nicht. Schnell fiele ich blau­ angelaufen um, sähe ich tatenlos einer solchen Untat zu. Keine, nicht eine einzige Entschuldigung ließ ich zu bei Mord. Hat denn nicht jeder Mensch nur ein Leben, ein einziges? Niemand gibt es uns zurück, niemand. Faselte folglich jemand etwas von Freude im Paradies, vom Sonnenschein und den wunderbaren Engeln, wurde mir richtig übel. Wo gäbe es schon Trost, sagen Sie?

Aber zurück zur Dusche, unter der ich jetzt begann zu frieren. Also drehte ich den Hahn für das heiße Wasser auf, den Hahn für kaltes Wasser drehte ich ein gutes Stück zurück. Heiß strömte das Wasser über meinen Körper, ich sah zu, wie die Gänsehaut verschwand.

Wasser tropfte auf den Teppichboden, als ich aus der Wanne stieg. Ich trocknete mich ab, begann mit der Rasur. Schnitt mich dabei am Hals, weil ich eine neue Klinge eingelegt hatte.

Ich legte den Einwegrasierer auf der Konsole ab, spülte den Schaumrest aus dem Becken. Schlurfte ins Schlafzimmer, griff frische Wäsche aus dem Schrank.

Wann Vera wohl käme, fragte ich mich. Violett und Schwarz, Safrangelb und Rot blickten mir stumm und trotzig ent­gegen. Ich schloss die Schranktür, setzte mich auf das Bett und fing an, mich anzuziehen.

Danach schlug ich mir ein paar Eier in die Pfanne, setzte Kaffee auf. Wer einmal draußen war, dachte ich, der war immer draußen. Ich schnitt eine Scheibe vom Brot, biss hungrig zu.

Nichts änderte sich bis zum Nachmittag. Der Himmel floss vor sattem Blau über, ver­lockte zu Müßiggang. Ich vertagte die Entscheidung, ob ich anriefe oder nicht.

Ich blätterte in Illustrierten, las in einem Buch. Zwei-, dreimal dachte ich an den Vorfall im Wald. Ich hatte mir vorgenommen, mit Vera darüber zu reden, bevor ich irgend­etwas unternähme.

Sie tauchte gegen sechs Uhr auf. Wortlos blickte sie mich an, ging dann in die Küche, bereitete sich zwei Brote, die sie still in der Küche aß.

Wenn Wunder zu Ende gehen. Seit Vera beamtet war, z.A., A13, somit festen Gleises, hielt sie nichts mehr in der Wohnung. In jedem Blick, den sie auf mich nieder senkte, glaubte ich einen Vorwurf zu erkennen: Es war ihre Wohnung, in der ich mich aufhielt.

"Hat jemand für mich angerufen?"

Ich sah sie hilflos an. Was war geblieben von unseren acht Jahren außer Leere und Verwunderung.

"Helmut hat nach dir gefragt."

Sie nickte kurz, ging ins Schlafzimmer. Zuvor sagte sie noch, dass sie müde sei.

Acht Jahre waren wir nun bereits zusammen. Ohne Trauschein hatten wir zusammen­gelebt, täglich neu für den andern entschieden. So hatte ich angenom­men, nun aber sah es eher nach Gewöhnung aus.

"Ich muss unbedingt mit dir über etwas reden", rief ich durch die geschlossene Tür.

"Ich auch", vernahm ich von der anderen Seite.

Das klang dumpf, vielleicht lag das am Holz der Tür. Ich stellte den Fernseher an, schaltete lustlos von einem Kanal zum andern.

Wo hat sie sich bis jetzt herumgetrieben, überlegte ich. Ob es einfach nur Gewöhnung war, die mich all die Jahre über davon abgehalten hatte, mit einer andern Frau ins Bett zu steigen, überlegte ich ebenso.

  
      

 

 

 


 

 

 

 Der Roman wird kommen, ganz sicher ... habt Geduld.

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