Paul Krieger

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09.01.2018

Froh um jeden Flüchtling, dessen Leben in seiner Heimat bedroht war

009.01.2018
Ein Artikel

Kurier92.jpgDer stand am 16.10.1992 im Wiesbadener Kurier. Thema: Ausländerfeindlichkeit.


Warum ich solch alte Kamellen noch einmal hier poste? Ich denke, dieses Thema ist immer aktuell und in Zukunft immer mehr.

Die Schicksale der Menschen, die heute zu uns kommen, sind noch immer sehr ähnlich und die wenigsten von uns können sich eine Vorstellung davon machen, wie sehr diese Menschen gelitten haben und noch immer und auch in Zukunft darunter leiden werden. Damals, 1992, wollte ich wöchentlich solch eine Kolumne mit jeweils einem Einzelschicksal schreiben. Dazu kam es leider nicht.

Den Jahreswechsel 2017/2018 erlebte ich in Rom. Dort besuchte ich das jüdische Museum am Tiber. Ich sah eine Gedenktafel, die an die Deportation von 1259 jüdischen Mitmenschen erinnerte. Das geschah damals am 16.10.1943. Geschah also sechs Jahre vor meiner Geburt und mir wurde dort im Museum bewusst, wie wenig Zeit zwischen diesem Gräuel und meiner Geburt liegt. Wieder wurde mir klar, dass ich glücklich sein muss - wie sicher war mein Leben bisher!

(Ein wichtiger Link dazu)
http://kath.net/news/43295


Zurück zu meinem Artikel im Kurier: Ich finde es nur richtig, dass den Flüchtlingen heute hier bei uns die Möglichkeit gegeben wird, ein besseres Leben als in ihrer Heimat zu leben. Und die “falschen” Flüchtlinge sollten wir in Kauf nehmen, denn wenn einer von fünfen schreckliche Gräueltaten erlebt hat und hier ein wenig Ruhe findet, dann sollte uns das froh machen.

Der Text des Artikels zum Lesen:

„Eigentlich hätte ich aufstehen sollen“
Lehrer will der Anti-Ausländerstimmung entgegentreten / [font=Calibri, sans-serif]Flüchtlingslebenslauf[/font]

Seit 1987 unterrichtet Paul Krieger Deutsch für Ausländer. Der Wiesbadener, der Anglistik und Publizistik studiert hat, erfährt durch die Sprachkurse viel von den Schwierigkeiten, mit denen seine Schüler zu kämpfen haben. Er ist für sie nicht nur Lehrer, sondern oft auch persönlicher Angsprachpartner. Angesichts der jüngsten Gewalttaten gegen Asyl­bewerber in Deutschland hat sich der 42jährige entschlossen, das Schicksal eines seiner Schüler darzustellen, um damit den Vorurtei­len und der sich verschärfenden Stimmung gegen Ausländer entgegenzuwirken. Hier sein Bericht.

Als ich im Café saß, erklärte je­mand am Nebentisch, welche Schande das doch sei, wie sich die Asylanten hier bei uns verhielten: „Pinkeln in aller Öffentlichkeit, arbeiten nicht und bekommen mehr Geld als mancher deutsche Rentner. Eigentlich hätte ich aufstehen sollen und laut erklären, daß das nicht richtig ist. Daß diese Menschen Sozialhilfe bekommen, die auch jedem Rentner zusteht, so­fern er sie beantragt Aber ich bin nicht aufgestanden, weil ich gerade an Abdul Jabar aus Afghanistan dachte und daran, was mir sein Bruder erzählte.

Der kam zu mir die Schule, weil Abdul Jabar dem Unterricht, der ihm als anerkannter Asylant acht Monate lang zusteht, nicht folgen kann. Einmal bekam ich es mit der Angst zu tun. Erst wurde Abdul Jabar ganz rot im Gesicht, dann fürchterlich nervös. Ich habe ihn an die frische Luft geschickt. Als ich nach ihm schaute, lag er auf einer Bank, schwitzte gewaltig und atmete schwer. Ich dachte, er hätte einen Herzanfall. Manchmal fällt er auch einfach um. Nervlich bedingt, erzählte mir der Bruder. Das befällt ihn immer wieder, seitdem er Hals über Kopf mit Frau und Kindern aus seiner Heimat floh, weil sein Haus umstellt war. Zwei Brüder und seine Schwester sind unter dem kommunistischen Regime verschwunden.

Viel weiß ich nicht von den verschiedenen Volksstämmen und Parteien in Afghanistan, die sich auch heute nach dem Fall des kom­munistischen Prasidenten und dem Abzug der Russen aufs Ent­setzlichste bekriegen. Jugoslawien ist uns doch viel näher und furchtbar unbegreiflich. Inzwi­schen habe ich nur von Abdul Jabars Bruder erfahren, daß die islamischen Parteien außer um die Macht auch darum streiten, ob jeder, der mit den Kommunisten etwas zu tun hatte, getötet werden soll. Solange das nicht entschieden ist, wird jeder umgebracht

Abdul Jabar hat fünf Kinder. Er war beim Militär, Oberst war er, Kommunist war er dem Herzen nach nicht. Er wollte etwas für seine Landsleute tun und bemühte sich um eine Position, wo er vertrauliche Informationen an. einen Freund weiterleiten konnte, der für den Umsturz arbeitete.

Einmal sah er spät in der Nacht von seinem Büro aus die drei maskierten Männer kommen, die im Hof Aufständische folterten. Er sah, wie Augen ausgestochen wurden. Er sah, wie Frauen vergewal­tigt wurden. Er sah, wie die Kinder der Partisanen vor den Augen der Eltern erschossen wurden. Das sieht und hört er heute noch, deswegen fällt er manchmal einfach um. Als sein Freund festgenommen wurde und er sein Haus umstellt sah, bekam Abdul Jabar schreckli­che Angst um sich und seine Fami­lie und floh auf der Stelle. Zum Glück wußte er von einem Land, wo man ihn aufnehmen würde.

Ich bin froh, daß Abdul Jabar zu uns gekommen ist, selbst wenn er niemals mehr wird arbeiten kön­nen. Irgendwie bin ich stolz auf mein Land, das heißt, noch bin ich stolz auf mein Land, das Verfolgten clie Hoffnung auf ein Leben ohne Angst gibt oder eine Chance, ihre Trauer würdevoll zu Ende zu leben. Was bedeuten da die Nachrichten von Scheinasylanten, die dreimal oder neunmal beim Sozialamt ab­kassieren, ich weiß, es gibt auch viele, die unsere Hilfe bitter brauchen. So wie Abdul Jabar, der mit seiner großen Familie in einem Zimmer lebt und sich nach Gesprä­chen mit Deutschen sehnt.

Admin - 14:03:50 @ Geschichte | Kommentar hinzufügen

 
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